Page 15 - Die Juni/Juli 2022 Ausgabe von 2700 Das Citymagazin
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die Übernahme der Kontrolle im Land, sodass hier auch der Steinfeldstadt für die gesamte Region eine bedeutungsvolle Rolle zukam.
Das Vorgehen gegen politisch Andersden- kende, allen voran Kommunisten, und die jüdische Minderheit ist zweifellos als be- sonders gewaltvoll einzustufen. Dies könnte damit zusammenhängen, dass in der Stadt eine Gestapo-Zentrale etabliert wurde und es wegen der relativ großen jüdischen Gemein- de zahlreiche Aktionen gegen Jüdinnen und Juden gab. Diese Beraubung und Vertreibung zerstörte eine der größten Kultusgemeinden des Landes bzw. Österreichs.
Indes brachte der „Anschluss“ in Wiener Neustadt einen raschen wirtschaftlichen Auf- schwung. Es wurde eine (in der NS-Propagan- da übertriebene, aber dennoch) sehr schnelle Minderung der Arbeitslosigkeit erreicht. Dies führte in der Stadt – ungeachtet der Angst vor Repressalien und der Einschüchterungsmaß- nahmen – zu einer großen Zustimmungswelle zur NSDAP. Vergessen ist nahezu die Tatsache, dass der gesamte Prozess der „Arisierungen“ und die Übernahme von jüdischen Geschäften und Betrieben eine entsprechende wirtschaft- liche Auswirkung hatte. Juden wurden in der Arbeitslosenstatistik nicht mehr beachtet; „Arier“ ersetzten die mit Berufsverboten Be- legten (zum Beispiel jüdische Ärzte, Rechts- anwälte, Beamte etc.) und Vertriebenen. Diese Umwälzungen wirkten in Wiener Neustadt also stark. Erwähnenswert ist wohl der Be- such von Reichswirtschaftsminister Hermann Göring, der die Steinfeldstadt auswählte, um sich ein Bild von den lokalen Industrieanla- gen, primär der Flugzeugindustrie, zu machen. Diese Visite gewann eine starke Symbolkraft und ließ Wiener Neustadt gegenüber anderen Städten hervortreten.
Militarisierung – Rüstung – Bombardements
Allseits bekannt ist, dass die Militärakademie 1938 zu einer deutschen „Kriegsschule“ wur- de; weniger bekannt ist, dass kein Geringerer als der spätere als „Wüstenfuchs“ mythifizierte
Hauptplatz mit geschmücktem Rathaus und dem Spruchband „Unserem Führer allzeit getreu!“, 1938.
Erwin Rommel im November 1938 ihre Lei- tung übernahm. Bereits mit dem Einmarsch deutscher Truppen war eine wachsende Mi- litarisierung von Wiener Neustadt gegeben – wie selten an anderen Orten Österreichs. Inf- rastrukturen wurden freilich in der gesamten Region ausgebaut. Man denke nur an den so- genannten „Luftpark“ („Fliegerhorst“). Tatsäch- lich wurde Wiener Neustadt wieder zu einem Zentrum der Rüstung (Flugzeugwerke WNF etc.), und neuerlich hatte dies Konsequenzen: im Positiven wie im Negativen. Auf der einen Seite fanden viele Einwohner*innen, vorran- gig Metall-Facharbeiter, Arbeit. Wohnraum wurde geschaffen und die Lebensverhältnisse verbesserten sich in der Wahrnehmung der Menschen. Als Rüstungszentrum wurde die Stadt jedoch ab 1943 zum häufigen Ziel der Alliierten, das heißt, sie ging als eine der am stärksten bombardierten Städte Österreichs in die Geschichte ein. Rund 52.000 Bomben trafen die Stadt und ihre Menschen. Oft wird die Tatsache zitiert, dass Raketenbestandteile in Wiener Neustadt produziert wurden, näm- lich in den Rax-Werken an der Pottendorfer Straße. Inzwischen ist darüber hinaus auch im allgemeinen Bewusstsein, dass diese und an- dere Kriegsproduktionen nur mit dem Einsatz von Zwangsarbeitern*innen möglich waren. Deshalb gab es zum Beispiel Außenlager des Konzentrationslagers Mauthausen und mehre- re „Judenlager“ in Wiener Neustadt (und des- halb relativ viele Häftlinge als Arbeitskräfte „an der Heimatfront“).
Stadt des „Wiederaufbaus“
Der sogenannte „Wiederaufbau“ ab 1945 hat für Wiener Neustadt natürlich eine ent- sprechend große Bedeutung, war es doch zu großflächigen Zerstörungen gekommen. Wie kaum in einer anderen Stadt des Landes bedurfte es in einem höchst umfassenden Ausmaß Anstrengungen und Geldmittel, um dies zu gewährleisten. Zurecht verbindet man bis heute das Bild von vielen „Trümmerfrauen“ und „Schutträumaktionen“ mit dem Stolz, die Stadt in den späten 1940er und 1950er Jahren wiederaufgebaut zu haben. In dieser „Stunde Null“ ließen sich neben der Wiederherstellung
Seltene Aufnahme reichsdeutscher Flugzeuge auf dem Wiener Neustädter Flugfeld, ca. 1938.
Stadtgespräch | 15
Blick in den Innenhof der zerstörten „Kriegsschule“ (Burg), nach 1945.
Schutträumung in der Pognergasse, ca. 1946.
Noch unverbaute Fläche beim Neukloster, wo das Gebäude der Bezirkshaupt- mannschaft errichtet werden sollte und heute das neue Rat- haus steht, o. J.
Beispiel für das Gebiet zwischen Wasserturm und Militärakademie: neu hergestellt mit Verkehrsflächen, Straßenbeleuch- tung, Grünflächen und Spring- brunnen, 1963.
© Sammlung Heinrich Witetschka
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© : Nachlass Erwin Wrenkh
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