Page 13 - Die Juni/Juli 2022 Ausgabe von 2700 Das Citymagazin
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Blitzlichter auf Wiener Neustadt –
Hervorzuhebendes anlässlich 100 Jahre Niederösterreich
von Mag. Dr. Werner Sulzgruber
„Fliegerkaserne“ am Flugfeld, ca. 1917.
Postkarte mit der Aufschrift „Wiener-Neustadt. Ehemalige Militärakademie“, 1918-34.
Heuer werden „100 Jahre Niederösterreich“ begangen, indem man an das Eigenständig-Werden des Landes erinnert. In diesem Zusammenhang wird nicht nur gerne die eine oder andere Region dahingehend unter die Lupe genommen, was sich dort jeweils in den letzten zehn Dekaden ereignet hat, sondern auch Besonderes und Erwähnenswertes hervorgehoben.
Schwere Jahre
Schweifen wir mit unserem Blick 100 Jahre zurück, so finden wir uns in der Zeit eines Neubeginns wieder. Die Monarchie hatte mit dem Ende des Ersten Weltkriegs (1914-1918) ihr Ende gefunden und die Erste Republik nahm Gestalt an. Wiener Neustadt war um 1920 keine blühende Industrie- und Han- delsstadt, weil deren Bevölkerung aufgrund des Ausbaues der Rüstungsindustrie derart massiv angewachsen war, sodass eine extre- me sogenannte „Wohnungsnot“ bestand. Die Umstellung auf die „Friedenswirtschaft“, ver- bunden mit Schließungen und der Zerstörung von Infrastrukturen und Produkten (wie zum Beispiel von Flugzeugen), traf die Menschen der Steinfeldstadt außergewöhnlich hart.
Verlust der Militärakademie
Wiener Neustadt war im Habsburgerreich bekanntlich eine Grenzstadt zur ungarischen Reichshälfte gewesen. Noch zur Jahrhun- dertwende war die Anzahl von militärischen Einrichtungen durch den Bau von neuen Kasernen gewachsen. Jetzt aber musste die traditionsreiche Offiziersausbildung eingestellt werden. Die Militärakademie wurde 1918 aufgelöst und die Burg verlor ihre jahrhunder- telange Bedeutung als „Offiziersschmiede“. In die Burg zog einerseits eine (für damalige Zei- ten) höchst innovative Schule ein, von deren Art es nur wenige in Österreich gab, nämlich die Bundeserziehungsanstalt (BEA) – auch „Schule am Turm“ genannt. Andererseits öff- nete man die Burg für weitere zivile Nutzun- gen, sodass sich 1920 das „Volksbildungshaus Urania“ zu etablieren begann. Erst im Jahr 1934 wurde die Militärakademie wieder in Wiener Neustadt aktiviert.
Neues Zentrum
Mit der Angliederung des Burgenlandes 1921 wandelte sich die Grenzstadt Wiener Neustadt zu einem Zentrum im südöstlichen Niederös- terreich, von dem aus ein intensiver Austausch mit dem neuen Bundesland Burgenland er- folgte. Es kam außerdem zu einem verstärktem Zuzug von Menschen aus dem ehemaligen Westungarn in die Stadt. Ihre Lage an der Süd- bahn machte sie als Knotenpunkt anziehend. Wenngleich sich die Stadt in den 1920er Jahren wirtschaftlich nur zögerlich zu erholen begann, so bildete sie trotzdem – aufgrund ihrer Nähe zu Wien, zum Nordburgenland und zur Grenzregion in die Steiermark – einen gu- ten verkehrstechnischen Ausgangspunkt, um diese Ziele problemlos zu erreichen. Mit dem Ausbau des Buslinien-Verkehrs wurde diesen Möglichkeiten Rechnung getragen und die Stadt zum vorteilhaften Dreh- und Angelpunkt für Geschäfte und Transporte (mehr noch als in Zeiten des 19. Jahrhunderts).
Stadtgespräch | 13
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Luftaufnahme von Wiener Neustadt am Beginn der 1920er Jahre, spätestens 1924.

