Page 14 - Die Juni/Juli 2022 Ausgabe von 2700 Das Citymagazin
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  Autobus (Nr. 34) der Stadtwerke Wiener Neustadt, sog. „Kraftverkehr“, o. J.
Krankenhaus Wiener Neustadt, 1918. Es wurde 1926 bis 1928 um zwei Stockwerke erhöht.
Mitglieder der Heimwehr auf dem Weg ins Stadtzentrum, Burgplatz (vor dem Zeug- haus), Aufmarsch Oktober 1928.
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     Vorbild in der Bekämpfung der Not
Nach dem Vorbild des „Roten Wien“ wurden in Wiener Neustadt zahlreiche „Fürsorge- maßnahmen“ gesetzt, um die katastrophale Not nach dem Ersten Weltkrieg weitgehend zu lindern. Ab 1919 richtete man beispiels- weise Schulkinderausspeisungen ein, eigene Schulärztewurdenangestellt,eineSchwan- geren- und Mutterberatungsstelle sowie ein Mütterheim wurden installiert. Auch die bekannte Waldschule wurde ins Leben ge- rufen. Die Stadtgemeinde Wiener Neustadt realisierte also eine intensive und letztlich wirkungsvolle Sozial- und Gesundheitspoli- tik. Die sozialdemokratische Stadtregierung gewannmitdiesenundanderenMaßnahmen großen Zuspruch. In der Folge war auf poli- tischer Ebene von der „Roten Hochburg“ die Rede, weil man mehrheitlich in der Sozialde- mokratie den erfolgreichsten Weg sah. Wiener Neustadt blieb über viele Jahrzehnte eine „Arbeiterstadt“, in der das Vereinswesen und die medizinische Versorgung seit den 1920er Jahren stets ein zentrales Anliegen war, wie sich in der Gründung von zahlreichen Einrich- tungen widerspiegelt: so zum Beispiel einer großen Zahl von Arbeiter-Vereinen (Bildung, Sport etc.), dem Ausbau des Krankenhauses, dem Schaffen von Erholungsräumen (Spiel- plätzen) u.v.a.m.
Die „sterbende Stadt“
Dennoch wuchs die Arbeitslosigkeit in der Ersten Republik, bedingt durch die Wirt- schaftskrise der späten 1920er Jahre, in Wiener Neustadt sogar sehr stark an. Lokal und regional schlug sich dies in einer der höchsten Arbeitslosenzahlen Österreichs nie- der. Im Februar 1933 erreichte sie mit 480.063 vorgemerkten und 401.321 unterstützten Ar- beitslosen ihren Maximalwert in den 1930er Jahren. In den genannten Zahlen sind Ju- gendliche (die weder eine Schulausbildung erhielten noch in der Arbeitswelt integriert waren) und tausende Ausgesteuerte gar nicht berücksichtigt. Wiener Neustadt bildete somit einen Sonderfall und wurde als „sterbende Stadt“ deklariert.
Milchaktion („Milch in die Schule“)
an einer Wiener Neustädter Schule, 1920er Jahre.
Oktober 1928 & Februar 1934
Die ökonomischen Krisen brachten alsbald immer wieder politische Konflikte mit sich. Die Unzufriedenheit der Bewohner*innen stieg und damit die politische Radikalisie- rung. Das Kräfteverhältnis der paramilitäri- schen Gruppen der politischen Parteien – also zwischen „Heimwehr“ (christlich-soziale Partei) und „Republikanischem Schutzbund“ (sozialdemokratische Partei) – war hierorts höchst ungleich, weil der „Schutzbund“ eine überaus starke Macht darstellte. Zu einer Eskalation kam es am 7. Oktober 1928, als aufgrund des Aufmarsches beider Gruppen in Wiener Neustadt beinahe der Beginn eines Bürgerkrieges in Österreich drohte. Dieser kam letztlich einige Jahre später, 1934, aber er verlief in Wiener Neustadt wider Erwarten ohne Kampfhandlungen. Die autoritären Maß- nahmen der christlich-sozialen Staatsführung und die Aktivitäten der Dollfuß-Regierung gegen das politisch linke Lager (wie ständige Waffensuchen) hatten die Einigkeit der Sozi- aldemokraten, Sozialisten und Kommunisten gestärkt. Doch der Schutzbund-Kommandant Josef Püchler, seinerseits Vizebürgermeister von Wiener Neustadt, wurde kurz vor der Februarrevolte in Haft gesetzt, sodass die ver- bliebenen Schutzbund-Führer passiv blieben, verhaftet wurden oder flüchteten.
„Anschluss“ 1938
Vor 1938 hatte es illegale nationalsozialisti- sche Propaganda-Maßnahmen, wie Flugzet- tel-Streuaktionen und Schmieraktionen, und darüber hinaus Anschläge mit Rohrbomben („Böllern“) mit Sach- und Personenschaden gegeben. Im Vergleich zu anderen Städten des Landes hatte in Wiener Neustadt die „Machtübernahme“ im März 1938 aufgrund einer existenten illegalen Organisation schnell funktioniert. Der „Anschluss“ hatte sich auch deshalb überdurchschnittlich rasch vollzogen, weil am Wiener Neustädter Flugfeld nur we- nige Stunden nach den erteilten Befehlen aus Deutschland Militärangehörige und Schutzpo- lizei anlandeten. Der Flugplatz war ausschlag- gebend für einen blitzartigen „Einmarsch“ und
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