Stadtgespräch
Wussten Sie, ...
…wie „das Flugfeld“ entstanden ist?
Im Januar 1918 schlossen sich die Arbeiter in ganz Österrreich und auch in mehreren Wiener Neustädter Fabriken zusammen, um für ein Ende des schon vier Jahre andauernden Ersten Weltkrieges zu streiken. Schon rund 70 Jahre zuvor hatte Druck aus der Industrie- und damit Arbeiterhochburg Wiener Neustadt dazu beigetragen, nach der Revolution von 1848 die soziale und politische Stellung der Arbeiterschaft in der Monarchie zu verbessern.
Streik macht Druck – 46 Häuser werden gebaut
Als nun 1918 vor allem die Belegschaft der Flugzeug- und Munitionsfabrik mit Streik drohte, konnten sie ihr ursprüngliches Ziel nicht erreichen – allerdings war die Stadtregierung plötzlich viel williger, ein anderes Anliegen der Arbeiter zu erfüllen: den Bau einer mustergültigen Arbeitersiedlung. Aus dem „Wohnungsfürsorgefonds“ der Stadt Wiener Neustadt wurden insgesamt 46 Wohnhäuser für rund 700 Familien finanziert. Vier Jahre, von 1918 bis 1922, dauerte der Bau gegenüber der Fliegerkaserne an der Wöllersdorfer Straße.
Die Häuser gelten heute als Vorreiter und Modell für den sozialen Wohnbau. „Auf dem Flugfeld zu wohnen, ein ‚Flugfelder’ zu sein – darin lag ein gewisser Stolz“, schreibt der Wiener Neustädter Historiker und Zeitzeuge Karl Flanner. Er wuchs in den 1920er- und 1930er-Jahren in der Modellsiedlung auf und verfasste 1991 ein Dossier über die Geschichte und Beschaffenheit der Häuser.
Hohe Ansprüche an die „modernen Arbeiterwohnungen“
Dort beschreibt er auch die Ansprüche, die der sozialdemokratische Politiker Max Winter an die Arbeiterwohnungen stellte: Platz, Licht und Kinderfreundlichkeit standen dabei im Mittelpunkt. Ganze Familien von Fabriksarbeitern, die zuvor in verlassenen Ställen und winzigen Zimmern gehaust hatten, sollten eine „menschenwürdige“ Unterkunft bekommen. Für Kinder und Erwachsene sollten medizinische Versorgung, Bildung und die Versorgung mit Lebensmitteln garantiert werden. Letzteres war vor allem nötig, da „das Flugfeld“ damals noch weit außerhalb der Stadt lag. Erst später wuchs beides zusammen.
Zu einem großen Teil wurden Winters Ansprüche erfüllt: Der Grundriss der Häuser wurde so gestaltet, dass die Innenhöfe den Kindern als Spielplatz dienen konnten. Die Wohnungen boten genügend Platz und Licht, außerdem wurden Gas- und Stromleitungen verlegt. Wasser gab es am Gang – der berühmte „Bassena-Tratsch“ hielt damit auch in Wiener Neustadt Einzug. Es gab einen Kindergarten und eine kleine Klinik. Außerdem wurde das Fliegeroffizierskasino der Kaserne gegenüber zum Arbeiterheim umfunktioniert, in dem verschiedenste Veranstaltungen und Versammlungen abgehalten wurden.
Zweiter Weltkrieg: Einige Häuser werden beschädigt
Während der Ersten Republik und des Zweiten Weltkriegs wurde die Arbeiterstadt zu einem der zentralen Orte des Widerstands gegen die austrofaschistische, und später gegen die nationalsozialistische Diktatur. Weil die Flugfeldsiedlung natürlich nahe der Fabriken – vor allem der Flugzeug- und Munitionsfabrik – gebaut worden waren, die von 1938-45 der Rüstungsproduktion dienten, war diese Gegend besonders stark von den Bombenangriffen durch die Alliierten betroffen. Auch einige Arbeiterunterkünfte wurden dabei zerstört und leicht verändert wieder aufgebaut. Großteils aber steht, so Flanner in seinem Dossier, „die komplette Wohnhausanlage noch so, wie sie als erste kommunale Arbeiterwohnungskolonie Österreichs 1918-1922 entstanden ist.“
Quellen:
Karl Flanner, „Am Flugfeldviertel“,
„Neustadt ohne Legenden“



