Stadtgespräch
Wussten Sie, ...
dass es in Wiener Neustadt ein Konzentrationslager gab?
Als nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges die Rüstungsaufträge für die Wiener Neustädter Industrie weiter stiegen, profitierte davon auch die Lokomotivfabrik und baute ihre Produktion in anderen Bereichen aus. Vor allem in der Rüstungsindustrie stiegen die Aufträge während des Krieges und nach 1940 wurden auf dem Gelände der Lokomotivfabrik auch Teile für Flak-Geschütze hergestellt.
Zu klein für die Produktion
Bald wurde das Gelände zu klein, um die vielen Aufträge zu bewältigen. Der deutsche Lokomotivenbauer Henschel&Sohn hatte 1938 die Fabrik vom nationalsozialistischen Regime gekauft und kümmerte sich nun um den Ausbau, der durch die Auftragssteigerung nötig war. Dafür ließ man eine riesige Montagehalle in Kraljevo, einem serbischen Dorf, abbauen und stellte sie in Wiener Neustadt wieder auf. Die Halle hatte eine Grundfläche von rund 20.000 Quadratmetern, ihre Herkunft gab ihr den Namen „Serbenhalle“.
Dunkle Geschichte
Zuvor war die Halle in Serbien bereits in nationalsozialistischen Besitz gelangt. Die Einwohner von Kraljevo hatten sich gegen die Besatzer gewehrt, worauf fast 2.000 Menschen aus dem Dorf in der Halle von den Nationalsozialisten erschossen wurden. Kurz darauf wurde sie gemeinsam mit einer kleineren Nebenhalle und einer Kesselschmiede nach Wiener Neustadt gebracht. 1942 eröffnete Henschel&Sohn die „Raxwerke GmbH“ auf dem neuen Gelände. Dieses befand sich – wie auch die Lokomotivfabrik – an der Pottendorferstraße, lag nur ein Stück weiter stadtauswärts.
Zwangsarbeiter aus Mauthausen
Die Aufträge stiegen weiter: Allein in den ersten sechs Monaten des Jahres 1943 wurden über 1.000 Loktender gebaut. Mehr Arbeiter wurden benötigt, viele kamen aus Osteuropa. Aber auch aus dem Konzentrationslager in Mauthausen wurden zwischen 600 und 1.000 Häftlinge – genaue Zahlen sind schwer zu finden – hergebracht und in der „Serbenhalle“ zur Arbeit gezwungen. Um sie unterzubringen, wurden Baracken an die größere Halle angebaut. Zu diesem Zeitpunkt galten die Raxwerke bereits offiziell als SS-Arbeitslager.
Große Pläne: V2-Herstellung in Wiener Neustadt
Der Name „Raxwerke GmbH“ wurde von den Nationalsozialisten absichtlich gewählt, da man daran nicht erkennen konnte, was in den Hallen produziert wurde. Der Grund dafür: Man plante, eine so genannte V2-Rakete hier herzustellen. Das „V“ im Kürzel stand für Vergeltungswaffe; es war eine Rakete, die von der Fliegerabwehr nicht erkannt werden konnte.
Umstellung der Produktion
Ab 1943 verstärkten die Alliierten jedoch die Bombardierung von Wiener Neustadt, vor allem der Fabriken. Die Raxwerke lagen in diesem Industriegebiet und wurden teilweise beschädigt. Daher stellte man die V2-Produktion letztlich wieder ein. Die Bombardierungen gingen weiter und zu Kriegsende waren große Teile der Anlage zerstört. Der Hauptteil der Produktion, Marine-Artillerie-Leichter-Boote für die Donau, war jedoch so erfolgreich, dass sogar nach Kriegsende noch einige Boote gebaut werden konnten.
Was bleibt?
Nur die große Serbenhalle blieb bestehen. Bis heute ist sie von der Pottendorfer Straße aus zu sehen. Mittlerweile wird sie als Lagerhalle genutzt. Ebenfalls heute noch sichtbar ist ein „Ein-Mann-Bunker“ – ein kleiner, in die Erde eingelassener Bunker für eine SS-Wache, die diese vor Fliegerangriffen schützte.
Denkmal für die Opfer
Die Häftlinge wurden oft gefoltert und waren unterernährt, viele starben daher allein an den Arbeitsbedingungen. Auch mehrere Hinrichtungen fanden statt. An die Opfer der Zwangsarbeit erinnert heute ein Denkmal auf einem schmalen Grünstreifen vor dem Gelände der ehemaligen Raxwerke.
Quellen: Gerhard Geissl „Von der Lokomotivfabrik zur Raxwerke GmbH (1942-1965)“, Karl Flanner „Das Konzentrationslager im Raxwerk Wiener Neustadt 1943-1945“



