Stadtgespräch
Der Verkehrsbetrieb der Stadt Wiener Neustadt:
Ein historischer Streifzug
Von Sonja Knotek
Um 1900 entstanden unter den verantwortlichen Entscheidungsträgern der Stadt Wiener Neustadt immer wieder Gespräche und Anregungen, ein öffentliches Verkehrsnetz für die Stadt Wiener Neustadt und deren Umlandgemeinden auszuarbeiten. Ursprünglich wurde überlegt, zwischen dem Bahnhof Wiener Neustadt und dem Stadtzentrum sowie der Fliegerkaserne am Flugfeld ein Straßenbahnnetz anzulegen. Das Projekt wurde jedoch niemals verwirklicht.
Die Geburtsstunde
Am 3. Mai 1926 wurde Bürgermeister Anton Ofenböck in der Sitzung des Stadtsenates ermächtigt, beim Ministerium die „Erlangung einer Konzession zum periodischen Personentransport mittels Omnibussen auf allen notwendigen Linien von Wiener Neustadt in die Umgebung“ zu erwirken. In der Gemeinderatssitzung am 20. Juli 1926 erfolgte die Beschlussfassung, einen städtischen Verkehrsbetrieb beziehungsweise ein Autobusunternehmen zu gründen. Damit war der Grundstein für den Wiener Neustädter Verkehrsbetrieb gelegt. Die tatsächliche Geburtsstunde des Verkehrsbetriebs wurde mit dem Beschluss des Gemeinderates am 1. Oktober 1926 zum Ankauf von fünf Omnibussen von der Österreichischen Automobilfabriks AG „Austro-Fiat“ gefasst. Der Stückpreis der Busse belief sich damals auf 23.300 Schilling.
Die Anfänge
In den Anfängen des Verkehrsbetriebs wurden sechs Linien mit der Streckenführung Hauptplatz – Bahnhof – Leithabrücke – Sauerbrunn – Auge Gottes – Flugfeld – Wöllersdorf – Fliegerkaserne – Lichtenwörth – Bad Fischau und Erlach geführt. Der Fahrpreis wurde damals mit 20 Groschen festgesetzt. Der Wiener Neustädter Verkehrsbetrieb erhielt in dieser Zeit die offizielle Bezeichnung „Gemeinde Wiener Neustadt – Städtische Kraftwagenunternehmen“, kurz KAWU genannt. Bereits am ersten Tag wurden 4.460 Personen transportiert. Dies brachte der Stadt im Jahr 1926 Einnahmen von rund 20 Millionen Schilling. Die KAWU erfreute sich größter Beliebtheit, sodass bereits knapp zwei Monate später fünf weitere Busse angekauft werden sollten. Am 14. Mai 1927 beförderte der städtische Verkehrsbetrieb bereits eine Million Passagiere!
Ausbau & Reisebüro
Im März 1928 wurde das Unternehmen zusätzlich mit einem Reisebüro ausgestattet, um dadurch die Synergien und Vorteile des Betriebes noch besser nützen zu können. Bereits zwei Jahre nach Inbetriebnahme wurden 29 Linien bis weit in den burgenländischen Seewinkel beziehungsweise nach Mariazell mit 57 Bussen befahren. Zu dieser Zeit beschäftigte das Unternehmen 220 Arbeiter und 33 Angestellte und zählte somit zu einem der größten Arbeitgeber in der gesamten Region.
„Aus“ im Zweiten Weltkrieg
Mitte der 1930er-Jahre sollte sich jedoch alles ändern: Mit der bis dato größten Weltwirtschaftskrise, einhergehend mit Massenarbeitslosigkeit und enormen Einschnitten in die Lebensqualität der Bevölkerung, hatte auch der Verkehrsbetrieb mit massiven Belastungen zu kämpfen. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verlor das Unternehmen immer mehr an Bedeutung und wurde durch den Bombenhagel, der auf die „Allzeit Getreue“ niederging, nahezu vollständig zerstört. Das Unternehmen hatte mit Kriegsende de facto zu Bestehen aufgehört. In mühevollster Kleinarbeit und unter heute unvorstellbaren Bedienungen kehrten im Mai 1945 ehemalige Bedienstete, die den Krieg überlebt hatten, an ihre Dienststellen zurück und stellten sich damit für den Wiederaufbau des Unternehmens zur Verfügung. Hand in Hand mit der schrittweisen Normalisierung der Verhältnisse wuchs auch das Betätigungsfeld des Verkehrsbetriebes wieder rasch an.
Erweiterung ab den 70er-Jahren
Bis Ende der 1960er-Jahre wurde der Fuhrpark schrittweise aufgestockt und modernisiert. Bis Ende der 1970er-Jahre waren bereits wieder 27 Omnibusse mit einem Platzangebot für 1.625 Fahrgäste im Einsatz. Mit der sukzessiven Erweiterung der Busflotte reichten die Platzkapazitäten der umgebauten Großgarage nicht länger aus. So stellte die Stadt Wiener Neustadt im Jahre 1978 auf dem Schlachthofareal des damaligen städtischen „Viehmarktes“ eine Fläche von rund 21.000 Quadratmetern für den Neubau der bis heute dort situierten Zentralgarage zur Verfügung. Den Faktoren Mensch und Maschine wurde damit Rechnung getragen und eine zeitgemäße und moderne Betriebsstätte errichtet. Seit Bestehen des Verkehrsbetriebes wird besonders auf die Qualität der Dienstleistung, dem Ausbau der Kundenbeziehungen und das Kundenservice Wert gelegt.
Der Verkehrsbetrieb heute
Galt es früher lediglich, den Beförderungsbedürfnissen der Bevölkerung zu entsprechen, so stellen die heutigen Ansprüche unserer modernen Gesellschaft das Wechselspiel zwischen Mensch und Technik laufend vor neue Herausforderungen. Eine Flotte von 54 Omnibussen bestehend aus modernen Erdgasgelenkszügen und zwei- beziehungsweise dreiachsigen Reisebussen mit moderner Ausstattung befördern jährlich rund 6,2 Millionen Personen. An Schultagen werden täglich rund 6.500 Schüler durch den Verkehrsbetrieb zu ihren Bildungsstätten befördert. Die Busflotte legt pro Jahr rund 2,4 Millionen Fahrplan- und Sonderfahrtenkilometer zurück.
Zusätzlich bietet der Verkehrsbetrieb als eines der modernsten Unternehmen Österreichs den Kunden ein Fahrgastinformationssystem an. Weiters sind sämtliche Busse mit Klimaanlage und einem modernen Bord- und Kassencomputer sowie GPS ausgestattet. Abgerundet wird das umfassende Angebot mit nationalen- und internationalen Busreisen sowie einem eigenen Reisebüro. Auch zu den Themen Umwelt und Generationenverantwortung wurden die Zeichen der Zeit längst erkannt. Durch die sukzessive Umstellung des innerstädtischen Linienbetriebes auf Erdgasantrieb beziehungsweise in weiterer Folge auf selbst produziertes Biogas werden zukünftig jährlich rund 1.800 Tonnen CO2 und rund 660.000 Liter Dieseltreibstoff substituiert.
Permanente interne und externe Qualitätskontrollen sowie sukzessive Weiterbildungs- beziehungsweise Mitarbeiter-Schulungsprogramme werden auch zukünftig den umfangreichen Ansprüchen unserer Gesellschaft Rechnung tragen. Diese sind, neben dem hohen technischen Niveau, wesentliche Bestandteile der Unternehmensstrategie und letztendlich unerlässliche Faktoren eines nachhaltigen Unternehmenserfolges sowie die wichtigsten Garanten für die Sicherheit der Fahrgäste.
Mit freundlicher Unterstützung von:
Peter Eckhart, Geschäftsführer Wiener Neustädter
Stadtwerke und Kommunal Service GmbH
„Unser Verkehrsbetrieb war einer der ersten weit und breit und er hat sich in den letzten 84 Jahren hervorragend entwickelt. Wir können mit Fug und Recht behaupten, dass er heute ein Vorzeigebetrieb ist, um den uns viele andere Städte beneiden. Er ist fit für die Herausforderungen der nächsten Jahre, sodass wir noch viel Freude mit dem Verkehrsbetrieb haben werden. Vor allem die Umstellung auf
die Erdgasbusse, die seit einigen Jahren im Laufen ist und weiter forciert wird, zeigt, wie innovativ und zukunftsorientiert in unserem Verkehrsbetrieb gearbeitet wird. Die tollen Ergebnisse von Kundenzufriedenheitsanalysen sind für uns alle der wichtigste Ansporn, diesen Weg auch in nächster Zeit so engagiert weiterzugehen.“
Bernhard Müller,
Bürgermeister der Stadt Wiener Neustadt








