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    Sport & Gesundheit

    handball, handball

    Mit voller Wucht!

    Interview geführt von Gudrun Blümel

    2700: Worin liegt die „Würze“ des Sports – beziehungsweise, was macht ihn für Sie so besonders?

    Gibson: Die Würze liegt in erster Linie in der Schnelligkeit. Sie fordert den ganzen Körper – also Kopf, Denk- und Koordinationsvermögen. Der Spieler muss Situationen schnell erkennen und vor allem im Voraus sehen. Er muss sich viele taktische Spielzüge merken und im Spiel umsetzen können. Jede Mannschaft beherrscht zehn bis zwölf Spielzüge, weil die Spieler variabel verfügbar sind. Es gibt kaum Spieler, die nur auf einer Position eingesetzt werden, die meisten haben eine Haupt- und eine zweite Position. Sie müssen für jeden Spielzug ihre Bewegungsabläufe kennen. Das genaue Timing ist dabei oft entscheidend.

    2700: Wo kann man in Wiener Neustadt Handball spielen?

    Gibson: Es gibt in Wiener Neustadt einen Handball-Verein, den ZV Handball McDonald’s Wiener Neustadt. Er ist einer der erfolgreichsten Vereine im österreichischen Damenhandball und blickt bereits auf eine 60-jährige Tradition zurück. ‚ZV’ steht für Zweigverein, denn ursprünglich gehörte er dem Allround Wiener Neustadt an. Es gab immer wieder tolle Herren- und Damenmannschaften, die parallel geführt wurden. Vor rund fünf Jahren löste man die Herrensparte leider auf, da es nicht genügend Spieler gab. Seit der heurigen Saison haben wir allerdings wieder eine Burschenmannschaft.

    2700: Gibt es auch Handballvereine in der Umgebung?

    Gibson: Es gibt einen Herrenverein in Bad Vöslau, Baden ist im unteren Nachwuchssegment tätig. Dann besteht noch der reine Damenverein Hypo Niederösterreich sowie der UHLZ Perchtoldsdorf, der Damen- und Herrenmannschaften hat. Wiener Neustadt spielt von diesen Vereinen mit den Damen in der obersten österreichischen Liga und ist seit zehn Jahren immer unter den ersten vier, meistens sogar unter den ersten zwei. Seit dieser Zeit mischt Wiener Neustadt auch immer im Europacup mit – bis auf letztes Jahr, wo man freiwillig darauf verzichtet hat, um den Verein zu sanieren.

    2700: Wie steht es um den Nachwuchs? Sind mehr Burschen oder Mädchen an dem Sport interessiert?

    Gibson: Man kann nicht sagen, dass Handball ein reiner Männer- oder Damensport ist. Es ist ein allgemeiner Sport. Männer spielen oft kraftvoller: Sie versuchen, mit voller Wucht durchzuziehen. Damen spielen taktischer und probieren, den Gegner auszutricksen. Es ist ein sehr harter Sport, Körperschutzeinrichtungen sind verboten. Das ist vor allem für die Tormänner sehr belastend. Ein durchschnittlicher Handballer wirft den Ball mit 80 bis 90 Stundenkilometern. Unsere Burschen, die erst vor drei Monaten begonnen haben, sind bereits auf einem sensationellen Weg. Sie wurden in die untere Leistungsgruppe des Verbands gestellt und werden dort, wenn sie in den nächsten Spielen Punkte holen – was wir erwarten – im mittleren Play Off aufscheinen. Gleich in die mittlere Leistungsstufe aufzusteigen, hat noch nie jemand mit einer Mannschaft geschafft, die erstmalig einstieg. Mit Erwin Unterlechner haben wir ein ganz tolles Talent entdeckt. Er führt die Torschützenliste überlegen an. Wir haben in Wiener Neustadt in den letzten Jahren nur Damenhandball angeboten, aber seit die Möglichkeit besteht, standen binnen kürzester Zeit 15 Burschen da. Österreichweit gesehen sind es aber mehr Burschen als Mädchen, die den Sport ausüben.

    2700: Wie fördert man den Nachwuchs zusätzlich?

    Gibson: Mit den Kindern fahren wir im Sommer auf Trainingslager und mindestens auf zwei bis drei internationale Turniere. Letztes Jahr waren wir mit den Mädchen in Bratislava und Györ auf einem großen Turnier sowie in Izola, Slowenien und Wien. In Lignano waren wir im Jugendolympiazentrum auf Trainingslager. In den Osterferien geht es heuer nach Trogir, in der ersten Ferienwoche nach Izola und dann in das Trainingslager Lignano. Die Hälfte der Einnahmen unserer Buffetstände bei den Spielen gehen immer in die Jugendkassa, um diese Unternehmungen zu stützen. Handball hat in Wiener Neustadt eine große Tradition. Früher gab es drei Vereine, die sich auf den einen reduziert haben. Lange Zeit ging alles unter den Allround Verein, vor 12 Jahren hat man sich abgetrennt, um eigenständig wirtschaften zu können. Das war, als man mit den Damen in die oberste Liga aufgestiegen ist, weil das den Budgetrahmen des Allrounds gesprengt und es Probleme bei den Sponsoren gegeben hätte.

    2700: Welche Voraussetzungen sollte man für den Sport Handball mitbringen?

    Gibson: Man darf bei den Trainings gerne mitschnuppern – will man mitspielen, muss man sich anmelden, und da ist eine sportärtzliche Untersuchung verpflichtend vorgeschrieben. Diese Untersuchung möchten wir jährlich durchführen, denn gerade im Wachstum kann sich etwas verändern und wir wollen, dass unsere Kinder fit sind und sich für die Sportart eignen. Man sollte Koordinationsgabe, Lern- und Trainingswillen sowie soziale Kompetenz mitbringen. Letztere lernt man zwar, aber sie sollte auch Grundvoraussetzung sein, denn hat man sie nicht, wird man in der Mannschaft nicht glücklich werden. Der Rest kommt von selbst. Wir versuchen, mit den Kindern früh anzufangen. Ab sechs Jahre kann man bei uns mit Trixi Wagner in der U 9 trainieren – der vielfachen Nationalteamspielerin und dreifachen Hypo Championsleague-Siegerin.

    2700: Es kann also jeder diesen Sport erlernen und ausüben?

    Gibson: Es gibt einen unter Handballern bekannten Spruch: „Ob dick oder dünn, ob groß oder klein – jeder kann ein Handballer sein.“ Und das trifft auch zu: Es gibt für jede Anforderung eine Position. Anforderungen an die Flügelspieler sind zum Beispiel, dass sie sehr schnell, wendig und sprungfähig sein müssen. Aufbauspieler sollen wiederum groß sein, viel Sprung- und Wurfkraft haben. Mittespieler müssen schnell in Auffassungsgabe und Reaktion sein – Regisseure, die Situationen erkennen können. Diese Spieler können ruhig klein und schmächtig sein, dafür aber schnell im Kopf und mit der Hand. Im Kreis muss man sich durchsetzen und vor allem etwas aushalten können, denn dort geht es von versteckten Fouls wie Zwicken, Kratzen, Beißen und so weiter ordentlich zu.

    2700: Welche Erwartungen bergen solche Veranstaltungen wie die EM?

    Gibson: Wir als Wiener Neustädter Verein waren maßgeblich daran interessiert, dass die EM auch hier gespielt wird. Mit Harald Reiterer als ASVÖ Präsident haben wir einen Mann im Komitee. Wir sind der größte Einzelverband im österreichischen Handballbund, dieser Sport ist in Niederösterreich überhaupt am stärksten von ganz Österreich vertreten. 1995 wurde die Arena Nova eigens für die Damen Handball EM gebaut und für diese EM ausgewählt, weil sie eine wunderbare Atmosphäre bietet. Wir erwarten uns, dass es nachhaltig zu einer Euphorie kommt, wir als Wiener Neustädter Verein davon profitieren, aber auch der Handballsport österreichweit und wir hoffen natürlich auf mehr Medienwirksamkeit.

    2700: Wie ist es um die österreichische Nationalmannschaft bestellt?

    Gibson: Dagur Sigurdsson, der neue Trainer, hat tolle Arbeit geleistet und sich ganz junge Spieler geholt. Wir haben derzeit so viele Legionäre wie noch nie. In Deutschland sind es rund neun, die in der stärksten Handballliga überhaupt spielen, nämlich in Deutschland. Auch der Torschützenkönig der letzten Deutschen Meisterschaft 2008, Konrad Wilczynski, ist dabei. Er ist auch das Aushängeschild des deutschen Clubs und ein Publikumsliebling. Dann haben wir auch noch einen herausragenden Spieler, unseren Teamkapitän Viktor Szilagyi, Parademittelspieler und Aufbauspieler schlechthin. Das österreichische Team wird immer besser, bei dem letzten Vorbereitungsspielen in Linz hat es gegen die Ukraine, Schweiz sowie Slowenien gewonnen und vor kurzem ganz knapp mit nur einem Tor gegen Deutschland verloren. Vor einem Jahr gelang ihnen die Sensation, die Mannschaft mit zwei Toren zu schlagen.

    2700: Gunnar Prokop* – pro oder contra?

    Gibson: Der Österreichische Damenhandball hat ihm enorm viel zu verdanken. Er ist der Mann, der Hypo Niederösterreich ins Leben gerufen hat, den Verein aufgebaut und ihn dorthin gebracht hat, wo er jetzt steht. Man darf seine Leistungen nie vergessen, auch wenn er einmal einen Ausrutscher hat. Er ist ein sehr emotionaler Mensch, das wissen wir, es war auch nicht sein erster – das wissen wir auch. Prokop ist ein Mensch der polarisiert, aber solche Typen braucht der Sport. Strafe muss es geben, aber dass man mit dem Mann so bricht, ist für mich nicht ganz verständlich.

    2700: Vielen Dank für das interessante Gespräch!

    *Gunnar Prokop ist ein österreichischer Handballtrainer. Nach dem Foul in der Champions League der Frauen soll der 69-Jährige für drei Jahre wegen Vergehens gegen die Prinzipien des Fair-Play für alle internationalen Wettbewerbe gesperrt werden und 45.000 Euro Strafe zahlen, teilte die EHF mit. Zudem wird er lebenslang für alle EHF-Posten gesperrt. Gegen dieses Urteil hat er Einspruch eingelegt.

    Lust auf Schnuppern?
    Im Rahmen eines Schulprojekts kann man in der Volksschule Josefstadt Handballluft schnuppern. Der Verein bietet eine Doppelstunde am Nachmittag, gegen 10 Euro pro Schuljahr, an. Mit dem Betrag werden die Versicherungskosten abgedeckt, die Trainer werden gratis zur Verfügung gestellt. Gerne kann man auch bei den Vereinstrainings der jeweiligen Altersgruppen mitschnuppern. Nähere Infos beim ZV Handball McDonald’s, Stephen Gibson: 0664/5267307.


     

    Rubrik Sport & Gesundheit | Ausgabe 02/10

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