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    Reiselust

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    Winter Wonderland Harbin

    Es ist kalt, bitterkalt, als wir gegen 8.30 Uhr morgens den Flug­hafen von Harbin verlassen. Ich ziehe meinen Schal noch ein Stückchen höher, doch dieser bietet nur bedingt gegen das frostig-stechende Gefühl beim Einatmen Schutz. Die Temperaturanzeige im Flug­hafengebäude dürfte sich nicht geirrt haben: ­­­­-29 Grad. Das ist nicht gerade die Temperatur, die man als Mitteleuropäer gewohnt ist. Sibirische Kälte nennt man das bei uns. Und tatsächlich befinden­ wir uns im äußersten Nordosten Chinas, in der Mandschurei, nur 500 Kilometer von der Russischen Grenze entfernt – dort, wo nur an rund 100 Tagen im Jahr kein Frost herrscht. Wir nehmen ein Taxi und fahren zu unserem Innenstadthotel – vorbei an modernen Hochhäusern und alten Bauwerken mit eleganten Stuckfassaden. Vieles mutet eher russisch als chinesisch an. Ein Blick in die Reiseliteratur bestätigt unseren ersten Eindruck: Die Stadt wurde 1898 im Zuge des Eisenbahnbaus von Russen gegründet. Es sind bereits viele Menschen unterwegs, aber es verläuft alles in geordneten Bahnen. Harbin wirkt mit seinen über 3 Millionen Einwohnern weitaus gemächlicher als andere chine­sische Städte.

    Die Reise war lang und anstrengend. Rund 21 Stunden sind wir jetzt schon auf den Beinen – doch wir haben es geschafft und sind hier – in der Partnerstadt Wiener Neustadts am anderen Ende der Welt. Seit 2008 verbindet Harbin und Wiener Neustadt eine partner­schaftliche Kooperation, die den wirtschaftlichen, technologischen und kulturellen Austausch fördert. An ersten gemein­samen Projekten im Flugzeugbau, dem Austausch von Studenten, der Etablierung eines Partnerschaftsbüros und einem musika­lischen Gastspiel in China wird bereits gearbeitet. Wiener Neustadt hat damit einen vielversprechenden internationalen Weg eingeschlagen.

    Eingehüllt in mehrere warme Schichten machen wir uns am frühen­ Nachmittag zum eigentlichen Highlight unserer Reise auf: zum Eis- und Schneefestival. Jahr für Jahr werden Eisblöcke aus dem nahen Songhua-Fluss und Schneemassen aus dem Umland angeschafft, um daraus fantasievolle Eis- und Schneeskulpturen­ zu schnitzen. Diese frostigen Kunstwerke sind dann von Anfang Jänner bis Mitte­ Februar in verschiedenen Parks der Stadt zu bewundern. Nie hätte­ ich gedacht, wie hoch einige der Eis­türme in den Himmel ragen, wie maßstabgetreu und filigran die Nachbauten ausgeführt sind und über welch große Fläche sich das Ausstellungsgelände erstreckt. Mir bleibt der Mund offen – aber nur ganz kurz, denn schon bald kriecht die Kälte in meinen Hals. Es ist einfach märchen­haft, faszinierend und unwirklich zugleich. Und je mehr das Tageslicht der Dämmerung weicht, desto beeindruckender­ wird das grell-bunte Lichterspektakel. Und zum Darüberstreuen erhellt später auch noch ein gigantisches Feuerwerk das nächtliche Firmament. Wir schlendern am Kolosseum und an der Sphinx vorbei und der ­Chinesischen Mauer entlang. Mal betrachten wir die Nachbildungen­ aus einiger Entfernung, mal erklimmen wir eine Treppe und ­wagen eine fröhliche Rutschpartie im Eiskanal. Besonders originell erscheint uns eine überdimen­sional große Bierflasche am Gelände, die auf Harbins lange Tradi­tion in der Bierbrauerei verweist. Aufgrund der eisigen Tempera­turen entscheiden wir uns bei nächster Gelegenheit ebenfalls für Hochprozentiges – allerdings in der heißen Form: Glühwein, der tatsächlich angeboten wird. Ein Glas kostet 78 Yuan, umgerechnet­ 7 Euro. Es schmeckt köstlich und erwärmt wohlig, aber doch zu einem­ überzogenen Touristenpreis! Aber wir sind auf Urlaub, denke­ ich mir und ertappe mich dabei, das Lied „Walking in a Winter Wonderland“ zu summen. Dieser Song trifft es auch auf den Punkt: Uns zu Füßen liegt ein Wunderland an unübertrefflich prachtvoll-kitschiger Eis- und Schneekunst. Der Weg zurück führt entlang einer Allee mit farbenfroh beleuchteten Bäumen. Riesige Schneefiguren – Märchengestalten, Tiere und Menschen – warten hier auf uns und wir erkennen das tiefgefrorene Abbild von Mao Zedong, der uns einmal mehr daran erinnert, dass der Kommunismus in China allgegenwärtig ist.

    Am nächsten Tag machen wir uns mit der Stadt vertraut. Zuerst­ führt uns der Weg in den Stadtteil Daoli mit seiner Prachtstraße Zhongyang Dajie. Wohin wir auch reisen, ein Besuch der Haupt­einkaufsstraße gehört zu den Fixpunkten. Nirgendwo sonst bekommt man einen besseren Eindruck vom pulsierenden Leben einer Stadt und kann zudem noch einen neugierigen Blick auf die angebotenen Waren werfen. Eingerahmt von herrschaft­lichen Gebäuden aus dem frühen 20. Jahrhundert, versprüht die Fußgänger­zone russischen Charme. Hinter den reich verzierten Fassaden finden sich große Einkaufszentren, Filialen bekannter Ketten, elegante Boutiquen und hie und da versteckt sich dazwischen­ auch ein kleinerer Laden mit einheimischen Spezialitäten. Ein bunter Mix, bei dem natürlich auch McDonald’s – Synonym der Konsumrevolution – nicht fehlen darf. Und plötzlich fällt mein Blick auf einen Straßenverkäufer. Das ist kurios! Der junge Mann verkauft Eislutscher ganz ohne Kühltruhe, gleich direkt aus den Kartons, die vor ihm auf dem Boden stehen. Das hab ich noch nie gesehen. Wir laufen weiter und machen einen Abstecher zur russisch-orthodoxen Sophienkathedrale – ein Backsteinbau aus den 30er-Jahren mit einem imposanten, weithin sichtbaren grünen Zwiebelturm. Das Wahrzeichen Harbins beherbergt heute ein Museum mit historischen Fotos zur Stadtentwicklung. Unser Spaziergang führt an der tief verschneiten, malerischen Uferpromenade entlang. Auf dem zugefrorenen Fluss tummeln sich unzählige Schlittschuh­läufer, Kinder spielen Eishockey und Hundeschlitten warten auf Wagemutige für eine Fahrt durchs Gelände. Wir schauen dem bunten­ Treiben amüsiert zu, ehe wir uns im bekannten Russia Café bei heißem Tee aufwärmen.

    Beim Essen ist der Einfluss des mächtigen Nachbarlandes ebenfalls unverkennbar, wie wir feststellen. Neben der traditionellen chinesischen Küche haben auch Borschtsch-Suppe, Feuertopf und Kohlrouladen ihre festen Plätze auf der Speisekarte. Später am Abend besuchen wir „Dongfang Jiaozi Wang“, ein Spezialitätenrestaurant, das uns die Empfangsdame unseres Hotels empfohlen hat. Wir probieren eine traditionelle Nudelsuppe und Jiaozi – herzhafte, mit Fleisch und Gemüse gefüllte Teigtaschen, die vorzüglich schmecken. Und zum krönenden Abschluss wird Reisschnaps serviert: „Gan bei“ – Prost!
    Am letzten unserer drei Tage in Harbin steht ein Ausflug in den 15 Kilometer nördlich der Stadt gelegenen Tiger-Park am Programm. Dort werden knapp 100 der rund 500 noch lebenden Sibirischen Tiger versorgt. Die Raubkatze gehört somit zu den seltensten Tieren­ der Welt. Wir besteigen einen Kleinbus und schon nach kurzer Fahrt durch den Park bleibt der Fahrer ruckartig stehen. Nur wenige Meter vor uns kreuzt ein besonders großes Exem­plar die Straße. Der Sibirische Tiger ist ein schönes und anmutiges Tier mit leuchtend orange-bräunlichem Fell und auffälliger weiß-schwarzer Zeichnung. Dieser Abstecher in die Fauna Chinas erweist sich als würdiger Abschluss unserer Harbin-Tour. Bereits kurze Zeit später sitzen wir wieder im Flugzeug in Richtung Süden – mit wunderbaren Impressionen im Gepäck und der Gewissheit, dass Wiener­ Neustadt eine besonders freundliche, interessante und beein­druckende Partnerstadt im Fernen Osten gefunden hat.

    Harbin – kurz & bündig

    Lage: Provinz Heilongjiang/Mandschurei (Nordosten)

    Einwohner: 9,41 Millionen (3,3 Millionen im
    Stadtgebiet), zehntgrößte Stadt Chinas

    Fläche: 56.579 km² (davon 1.637 km² Stadtfläche)

    Gründung:1898 durch Russen im Zuge des Baus der
    Transmandschurischen Eisenbahn

    Wirtschaft: Industrie, Handel, Wissenschaft, Tourismus

    Harbin – die Top 3

    Sehenswürdigkeiten:

    Eis- und Schneefestival
    Sophienkathedrale
    Tiger-Park

    Restaurants:

    Eispalast-Restaurant im Shangri-La Hotel,
    Dongfang Jiaozi Wang
    Russia Café

    Aktivitäten:

    Rutschpartie (Eis- und Schneefestival)
    Hundeschlittenfahrt
    Eissegeln (Songhua Jiang)

    Harbin – Web-Tipps

    Offizielle Seite der Stadt Harbin:
    www.harbin.gov.cn/english

    Wunderbare Bilder vom Eis- und Schneefestival:
    www.boston.com/bigpicture/2010/01/
    harbin_ice_and_snow_sculpture.html

     

    Rubrik Reiselust | Ausgabe 03/10

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