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    wo in Wiener Neustadt „Hexen“ gefoltert wurden?

    Als Wiener Neustadt im Mittelalter, um 1200, von dem Lösegeld für Richard Löwen­herz erbaut wurde, entstand in den folgenden Jahrzehnten auch die Stadtmauer,­ von der noch heute, 800 Jahre später, Teile bestehen. Zu diesen Teilen gehören auch der Reckturm und zwei kurze Mauerstücke links und rechts davon, die einst die nordwestliche Ecke der Stadtmauer bildeten. Damals hieß der Wachturm der Befestigung allerdings noch Stuckturm, weil darin Waffen, „Stuck“ genannt, aufbewahrt wurden.

    Dunkle Jahrhunderte
    Heute ist der Turm jedoch vielen nicht als Wachturm bekannt, sondern als Ort der ­Folter. Diese war noch bei der Gründung der Stadt im Stadtrecht verboten gewesen; als die Inquisition der Kirche im 16. Jahrhundert aber auch Wiener Neustadt erreichte, wurde die Regelung bald vergessen. Der Anbau des Reckturms, das Amtshaus, das den heute offenen Platz umgab, wurde zum Gefängnis, der Turm zur Folterkammer.

    Die „peinliche Befragung“
    So genannte „Abtrünnige“, „Ketzer“ oder „Hexen“ wurden beschuldigt, der Kirche in
    irgendeiner Art und Weise untreu geworden zu sein. Oft genügte es schon, eine Frau zu sein und etwas von Kräuterheilkunde zu verstehen, um als Hexe verurteilt zu werden. Meist wurden die Geständnisse durch die „peinliche Befragung“ erreicht – die Folter. Peitschenschläge, Knochenbrüche, Verbrennungen oder das Vollpumpen des Magens mit Wasser aus den Latrinen waren nur einige der Methoden. Vom „recken“ durch die Schmerzen erhielt der Turm seinen heutigen Namen.

    Die Hexe Afra Schick
    Welche dieser Grausamkeiten die 60-jährige Frau ertragen musste, die 1671 gefoltert wurde, ist nicht genau überliefert. Fest steht, dass Afra Schick – so der heutige Name – der Tortur, dem geringsten Grad der Folter, unterworfen wurde. Im Stadt­archiv lagert das Verhörprotokoll, das der
    Gerichtsschreiber am 13. September 1671 im Amtshaus unterzeichnete; es enthält Afra Schicks Geständnis, mithilfe des Teufels – von den Befragern „böser Feind“ genannt – Menschen und Tiere geheilt, aber auch Krankheiten und Unwetter ausgelöst zu haben. Weiters gestand sie, sie sei mit dem „bösen Feind“ auf einem schwarzen Pferd zu verschiedenen „Hexentreffen“ geflogen.

    Bekannte Namen
    Viele andere Aussagen sind noch in dem über 300 Jahre alten Protokoll nachzu­lesen; welche Foltermethoden zu welchem Zeitpunkt angewandt wurden, ist nicht verzeichnet. Afra Schick wurde verurteilt und verbrannt. Der damalige Stadtrichter hieß Paul Pleyer, der Bürgermeister war Matthias Eyersperg und der Bischof Leopold von Kollonitsch. Alle sind noch heute in den Namen von Gassen und Straßen der Stadt verewigt.

    Aufbruch in neue Zeiten
    Doch auch die Zeit der Inquisition ging vorbei - bis zum 18. Jahrhundert hielten aufklärerische Gedanken Einzug. 1893 wurden das heutige Kreisgericht und ein neues Gefängnis fertiggestellt und das Amtshaus wurde abgerissen. Um die Jahrhundertwende gab es schließlich das Begehren, den Turm ganz abzureißen – der dunklen Geschichte wegen. Kunsthistoriker und der damals noch junge Wiener Neustädter Denkmalverein stoppten den Abriss und bewirkten einen Wiederaufbau bis 1902.

    Das Museum
    In den 1950er-Jahren wurde der Reckturm schließlich zum Museum. Die Ausstellung behandelt die Geschichte der Folter, 2004 wurde ein Kellerraum freigelegt, der vermutlich als Gefängnis diente. Außerdem ist eine historische Waffensammlung zu sehen. Der hölzerne Wehrgang, ein Überbleibsel der Befestigungsanlage Stadt­mauer, wird jedes Jahr als beleuchteter Adventkalender gestaltet. Die dunkle Vergangenheit ist weit weg und nur mehr in Relikten zu besichtigen.

    Quellen:
    Wiener Neustädter Denkmalschutzverein
    Karl Flanner „Der Reckturm“ und
    „Die Hexe Afra Schick“

    Rubrik Stadtgespräch | Ausgabe 06/10

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