Stadtgespräch
Wie Musik unsterblich macht...
Leben & Werk von Josef Matthias Hauer
Von Sonja Knotek
Josef Matthias Hauer wurde am 19. März 1883 in der Lange Gasse 23 in Wiener Neustadt als Sohn eines Gefängnisaufsehers geboren. An Hauers revitalisiertem Geburtshaus wurde im Zuge des Neustädter Frühlings am 19. Juni 1997 eine Gedenktafel enthüllt, die Hauers Hauptwerk – das Zwölftonspiel – würdigt.
Volksschullehrer in Krumbach & Neustadt
Josef Matthias Hauer besuchte die Lehrerbildungsanstalt in seiner Geburtsstadt Wiener Neustadt. Dort erhielt er Klavier-, Orgel-, Cello- und Gesangsunterricht und beschäftigte sich autodidaktisch mit Musiktheorie. Nach der Matura wurde er 1902 Volksschullehrer in Krumbach, 1904 in Wiener Neustadt. Nebenbei wirkte er als Organist, Chorleiter und Cellist in einem Streichquartett und qualifizierte sich für den Musikunterricht an Gymnasien. 1907 heiratete er seine Frau Leopoldine Hönig (gestorben 1934). Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: Martha, Bruno und Elisabeth.
Hauers Zwölftontechnik
Nachdem er den Lehrerberuf aufgegeben hatte, entdeckte er 1911 die Grundlagen seiner Zwölftontechnik und siedelte sich 1914 in Wien an. Ausgangspunkt seiner Betrachtungsweise waren Paare von Sechstongruppen, deren 44 Anordnungsmöglichkeiten er als „Tropen“ bezeichnete. Die Charakteristiken seiner Zwölftontechnik sah Hauer nicht nur im Musikalischen, sondern auch im Philosophisch-Mystischen, wie er in seinen Schriften darlegte: „Vom Wesen des Musikalischen“ (Wien 1920), „Die Lehre von den Tropen“ (Wien 1925). Die Überwindung des Subjektivismus sowie die Umsetzung allgemein gültiger organischer Gesetze waren für Hauer Tendenzen seiner Musik.
Der Streit mit Schönberg
Hauer beanspruchte für sich ein historisches Vorrecht gegenüber Arnold Schönberg (1874 bis 1951, österreichischer Komponist, Musiktheoretiker Lehrer, Maler, Dichter und Erfinder, Anm. d. Red.), der um 1921 seine eigene Zwölftontheorie formulierte. Das persönliche Verhältnis der beiden Künstler war ambivalent. Hauer hatte seit Längerem den Kontakt zu Schönberg gesucht. Nach einer persönlichen Begegnung im Jahr 1917 äußerte er sich privat eher abfällig. Dennoch kam es Anfang der 1920er-Jahre noch einmal zu einem Gedankenaustausch. Hauer widmete Schönberg 1922 seine Neun Etüden (op. 22) für Klavier und Schönberg unterbreitete Hauer in einem Brief vom 1. Dezember 1923 verschiedene Vorschläge für eine praktische Zusammenarbeit. Diese Pläne wurden jedoch nicht verwirklicht. Hauer gründete seinen eigenen Kreis von Privatschülern, der von dem der Schönberg-Schüler getrennt blieb. Ab 1937 setzte er in Briefen neben seine Unterschrift einen Stempel mit den Worten: „Der geistige Urheber und (trotz vielen Nachahmern!) immer noch der einzige Kenner und Könner der Zwölftonmusik“.
Vater-Verehrung
1914 wurde Hauer zum Militär einberufen. 1915 übersiedelte er nach Wien. 1918 wurde er aus dem Heer entlassen; 1919 schied er krankheitsbedingt aus dem Schuldienst aus. Ab 1922 nannte er sich zu Ehren seines Vaters, für den er große Bewunderung hegte, Josef Matthias Hauer. Hauers Vater förderte seit früherster Kindheit den Schaffensdrang seines Kindes. „Mit fünf Jahren wollte ich in die Schule gehen, und unter Heulen und Tränen bat ich meine Mutter, sie möge mich doch endlich in die Schule schicken, ich sei schon groß und gescheit genug. Meine Mutter wußte sich nicht zu helfen. Mein Vater aber, der meinen Schaffensdrang in gute Bahnen lenken wollte, entschloß sich, mir Zitherunterricht zu erteilen. Ich bekam einige Stunden, in denen ich trotz meiner kleinen Hände die nötigen Griffe erlernte. Bald konnte ich auch die Zither stimmen und hatte sogleich den Quinten- und Quartenzirkel, die Tonarten und ihre Vorzeichen gelernt. Das Notenlesen und -schreiben verursachten mir gar keine Schwierigkeiten, so daß ich also schon Notenschreiben und Zitherspielen konnte, bevor ich in die Volksschule eintrat“, erinnert sich Hauer in dem Buch „Deutung des Melos. Eine Frage an die Künstler und Denker unserer Zeit.“
Der junge Hauer war sehr begabt und wissbegierig und lernte vom Vater alles über die Musiklehre, aber nicht auf der Ebene der Theorie, sondern immer in der Praxis.
„Mein Vater wußte nichts von Stufen, vom Quartsextakkord und seiner Schlußwirkung, er spielte mir einfach alle Kadenzen, die er kannte, in den verschiedenen Ton- und Taktarten vor. Wenn ich nun irgendwo ein Liedel oder einen Tanz hörte, so konnte ich das Gehörte aufschreiben oder auch gleich spielen. Dadurch bekam ich bei den Leuten ein gewisses Ansehen, und die praktische Verwendung dieser Fertigkeiten zur Unterhaltung kleiner Gesellschaften war gegeben“, so Hauer weiter. Im Laufe seiner Auseinandersetzung mit der Musik stellte er aber fest, dass er eigentlich alles, was man in Europa an Musik erlernen konnte, schon zwischen seinem fünften und zehnten Lebensjahr vom Vater vermittelt erhalten hatte.
Große Auszeichnungen
1927 erhielt Hauer den Kompostionspreis der Stadt Wien, 1954 den Professor-Titel und 1956 den Großen Österreichischen Staatspreis. Seine Lehre lebt in seinen Schriften und Schülern (siehe Infobox) weiter, während seine Kompositionen bis heute ein Schattendasein führen und als Nebenweg der Musik des 20. Jahrhunderts betrachtet werden.
Am 22. September 1959 ist Hauer in Wien verstorben. Hauers Ehrengrab befindet sich auf dem Dornbacher Friedhof in Wien (Gruppe 12, Nummer 10).
Die Hauer-Musikschule in Neustadt
Hauers Musizierpraxis ist heute an der Josef Matthias Hauer-Musikschule in Wiener Neustadt auf der Basis einer von Hauer-Schüler Victor Sokolowski entwickelten Didaktik erlernbar. Sokolowski-Schüler Robert Michael Weiß leitet die Kurse für das Zwölftonspiel. Die Musikschule des Wiener Neustädter Musikvereins wurde 1872 ins Leben gerufen. Bereits 18 Jahre nach der Gründung besuchten sie 1377 Schüler. 1976 erlangte die städtische Musikschule das Öffentlichkeitsrecht. Ein Jahr später wurde die Schule nach dem wohl bedeutendsten Komponisten der Stadt in „Josef Matthias Hauer Musikschule“ benannt. Dem Pioniergeist Josef Matthias Hauers entsprechend ist die Schule immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten und Perspektiven.
Quellen:
Josef Matthias Hauer-Musikschule /
„Deutung des Melos. Eine Frage an die Künstler und Denker unserer Zeit.“ (1922: E.P. Tal & Co. Verlag / Wikipedia
WERKVERZEICHNIS (IM ÜBERBLICK):
Rund 90 Werke mit Opuszahlen, darunter 2 Opern, Kantaten, Gesänge, Konzerte, 8 Suiten für Orchester, Tanzsuiten, Kammermusik, Klavierstücke und Zwölftonmusik-Werke (1912-1939).
Ab 1940 o. op. mehrere hundert, meist wenig umfangreiche Zwölftonspiele für verschiedenste Besetzungen.Schriften: 5 größere Abhandlungen und Monographien sowie rund 30 Zeitschriftenaufsätze.
AUSGEWÄHLTE WERKE AUF AUDIO-CD:
- Die Schwarze Spinne, Deutsches Singspiel in 2 Akten op.62 / Wiener Symphoniker (erschienen 1994, Extra)
- Salambo – Complete Opera von Josef Matthias Hauer (erschienen 2006, Import Megaphon)
- Zwölftonspiele / Ensemble Avantgarde (erschienen 2001, mdg CODAEX)
- Hauer, Atonale Musik op.20 / Steffen Schleiermacher, Klavier (erschienen 2003, Mdg CODAEX)
SCHÜLER VON JOSEF MATTHIAS HAUER:
- Hermann Heiß (1897–1966; Komponist)
- Othmar Steinbauer (1895–1962; Komponist, Musiktheoretiker)
- Heinrich Simbriger (*1903–1976; Komponist, Musiktheoretiker)
- Johann Ludwig Trepulka (1903–1945; Komponist, Pianist)
- Viktor Sokolowski (1911–1982; Cembalist, Cembalist, Pianist, Organist, Musikpädagoge)
- Arnold Keyserling (1922–2005; Philosoph)
- Gerhard Rühm (*1930; Schriftsteller, Komponist, bildender Künstler)
- Nikolaus Fheodoroff (*1931; Komponist, Dirigent)



