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    Stadtgespräch

    feichtenbach, feichtenbach

    Vom Nobelsanatorium zum Geisterhaus

    1903/04 gründeten die beiden jüdischen Lungenspezialisten Hugo Kraus und Arthur Baer in Feichtenbach bei Pernitz (Piestingtal) eine Lungenheilanstalt, die innerhalb weniger Jahre zur Nobelkurstätte für wohlhabende Patienten aus dem In –und Ausland avancierte. Das Gebäude war von einem 30 Hektar großen Park- und Waldgebiet mit Pavillons umgeben.

    Basler Sanatorium als bauliches Vorbild

    Es wird vermutet, dass Hugo Kraus das Konzept für sein Sanatorium von einer Studienreise in die Schweiz mitbrachte. Die baulichen Ähnlichkeiten mit dem Basler Sanatorium in Davos, das Kraus 1902 besuchte, sind enorm. Diese Ähnlichkeit geht sogar so weit, dass selbst die Ausrichtung beider Gebäude identisch ist und es kann mit hoher Wahrscheinlichkeit angenommen­ werden, dass nicht der ausführende Maurer­meister Johann Jauernik, sondern Kraus selbst den Entwurf zum Sanatorium Wienerwald gezeichnet hat.

    Beste Ausstattung, sogar mit Patientenlift!

    Kraus und Baer schufen auch mit der Innen­ausstattung des Gebäudes ein Ambiente, das Vergleichen mit berühmten Schweizer Sanatorien mühelos standhielt: Die Einrichtung der Patientenzimmer bestand aus weiß lackierten Möbeln, die zum Teil mit Glas- und Marmorplatten belegt waren. Ein großer Wintergarten im Erdgeschoß diente als Foyer, worüber man zur Zentralstiege gelangte. Es existierten von Anfang an ein Patientenlift und ein Speisenaufzug. Den Patienten standen neben einem mit Thonet- und Mundus-Tischen (bis heute exquisite Markenmöbel, Anm. d. Red.) und Bugholz-Sesseln ausgestatteten Speise- und Festsaal noch ein eleganter Salon sowie ein Musikzimmer zur Verfügung. Einst erholten sich im Sanatorium Wienerwald Lungenkranke vor allem von den Folgen der Tuberkulose. So zählte auch der österreichische Bundeskanzler Ignaz Seipel zu den Patienten in Feichtenbach. Er starb dort am 2. August 1932.

    Patient Nr. 2557: Franz Kafka

    Der bekannte Prager Schriftsteller Franz Kafka (1883 – 1924) weilte infolge einer Lungenerkrankung im April 1924 ebenfalls in Feichtenbach. Am 5. April 1924 wurde Kafka unter der Nummer 2557 ins Patienten­verzeichnis des Sanatoriums eingetragen. Allerdings fühlte sich Kafka in Feichtenbach nicht wohl: Es störte ihn der Lärm der tratschenden Menschen auf den Balkonen rundherum. Als „ein großes Schwatznest von Balkon zu Balkon“ hat Kafka das Sanatorium Wienerwald in einem Brief an seinen Freund Robert Klopstock (1899 – 1972, Arzt und Lungenspezialist) bezeichnet. Später, am 20. April 1924, charakterisierte Kafka in einem Brief an Max Brod (1884 – 1968, deutschsprachiger jüdischer Schriftsteller) das Sanatorium mit den Worten „böse“ und „bedrückend“. In Feichtenbach wurde bei Kafka Lungentuberkulose diagnostiziert und der Literat nach Wien überwiesen. In einem offenen Auto war Kafka damals mit seiner Lebensgefährtin Dora Diamant nach Wien gereist. Das Wetter war kalt und es regnete in Strömen. Während der Fahrt stand Dora vor Kafka und hielt Ihren Regenmantel schützend über den Kranken, der sich jedoch dennoch auf der Reise so verkühlt hatte, dass er sich davon nicht mehr erholte. Am 3. Juni 1924 starb Franz Kafka im Sanato­rium Kierling bei Wien.

    Beschlagnahme durch die Nazis

    Eine bedrückende Atmosphäre geht auch heute noch von diesem „Geistergebäude“ aus. Als wäre es erst gestern verlassen worden, liegen in den Behandlungsräumen noch die Spritzenfläschchen, türmen sich an der Rezeption die Ordner und stapeln sich auf den Tischen der Patientenzimmer Bücher aller Art. Doch die bedrückende Ausstrahlung rührt wohl eher von der teils schrecklichen Geschichte dieses Hauses her, denn als die Nazis an die Macht kamen, wurde das Sanatorium 1938 von der Gestapo beschlagnahmt und in eine Dependance des Lebensborn-Projektes umgewandelt. Hugo Kraus verübte Selbstmord, sein Kollege Arthur Baer wurde verhaftet und gezwungen, das Sanatorium dem Lebensborn e.V. zu überschreiben. Er verstarb 1941 verarmt in Pardubitz in der Tschechischen Republik.

    Die Ideologie „Lebensborn“

    Viele Lebensborn-Heime wurden in enteigneten jüdischen Anwesen eingerichtet. Der Lebensborn e. V. war im nationalsozialistischen Deutschen Reich ein von der SS getragener, staatlich geförderter Verein, dessen Ziel es war, auf der Grundlage der nationalsozialistischen Rassenhygiene die Erhöhung der Geburtenrate arischer Kinder – auch aus außerehelichen Beziehungen – herbeizuführen. Lebensborn war mitverantwortlich für die Verschleppung von Kindern in den besetzten Gebieten. Falls diese im Sinne der NS-Rassenideologie als arisch galten, wurden sie unter Verschleierung ihrer Identität in Lebensborn-Heimen im Deutschen Reich untergebracht. Das letztendliche Ziel war die Adoption durch parteitreue deutsche Familien.

    „Lebensborn“ in Feichtenbach

    Zumindest 1.200, wahrscheinlich aber über 1.700 Kinder wurden in Feichten­bach geboren. Natürlich kamen in den Lebensbornheimen auch behinderte Kinder zur Welt. Sie scheinen in der Geburtenstatistik zumeist nicht auf und wurden aus dem Heim „entfernt“. Was mit den Totgeburten geschah, liegt im Verborgenen. Angeblich verscharrte man einige auf dem Areal des Heims, doch diese Vermutung ist nicht bewiesen. Im Falle des Sanatoriums Wienerwald soll es sich um rund 100 tote Babys gehandelt haben.

    Die ÖGB-Ära

    Von 1945 bis Ende 1948 führte vorerst das Wiener Jugendhilfswerk ein Kinder­erholungsheim für unterernährte Kinder aus Wien in den Räumlichkeiten des Sanatoriums. Dadurch blieb das Gebäude vor dem Zugriff der russi­schen Besatzung verschont. In dieser Zeit wurden insgesamt über 4.100 Kinder in Feichtenbach aufgepäppelt. Danach erstand der Österreichische Gewerkschaftsbund das Haus, das in der Folge als Erholungsheim, unter anderem für Metall- und Bergarbeiter, zuletzt für Pensionisten, diente.

    In den Jahren 1979/80 wurde nordseitig ein Hallenbad angefügt, das den Betrieb des Hauses schließlich unrentabel machte. Es beinhaltete neben der eigentlichen Badehalle unter anderem eine Sauna, Tischtennisräume und eine automatische Kegelbahn. Nachdem es eine Zeit lang der Krankenkasse als Kur- beziehungsweise Erholungsheim gedient hatte, wurde das ehemalige Sanatorium Wienerwald zum „Hotel Feichtenbach“ umfunktioniert.

    Illegales Tierheim

    Seit dem Jahr 2002 steht es leer und verfällt zusehends. Ein Projekt des Roten Kreuzes, Flüchtlinge einzuquartieren, scheiterte am Widerstand der Pernitzer Bevölkerung. Im März 2007 geriet das ehemalige Sanatorium und Gewerkschaftsheim wieder in die Schlagzeilen, als durch Hinweise aus der Bevölkerung ein Fall von Animal-Hoarding bekannt wurde. Eine Frau hatte über 80 Tiere, hauptsächlich Hunde und Katzen, in dem Haus untergebracht. Das ohne Genehmigung betriebene Tierheim wurde am 22./23. März durch die Bezirkshauptmannschaft Wiener Neustadt aufgelöst.

    Jetzt: Sachwalterschaft von Wiener Anwaltskanzlei

    Den letzten Versuch, Feichtenbach zu aktivieren, unternahm der Quit Club, eine Organisation zur Suchttherapie. Im Jahr 2008 sollte Feichtenbach über einen privaten Investor zu einer „Allgemeinen öffentlichen psychosomatischen Sonderkrankenanstalt“ umfunktioniert werden, doch auch dieses Projekt konnte im Endeffekt nicht umgesetzt werden. Derzeitiger Eigentümer des ehemaligen Sanato­riums Wienerwald in Feichtenbach ist eine deutsche Holding Gesellschaft. Als rechtlicher Vertreter und Verwalter fungiert eine Wiener Rechtsanwälte GmbH. Es konnten jedoch von beiden Seiten keine Stellungnahmen zum ehemaligen Sanatorium Feichtenbach eingeholt werden.

    Quellen: Gemeindeamt der Marktgemeinde Pernitz; Max Brod: „Über Franz Kafka“, Fischer Taschenbuch Verlag 1974; Quit Club; Deutsches Historisches Museum; Wikipedia.

    Rubrik Stadtgespräch | Ausgabe 05/10

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