Stadtgespräch
Ningbo – die „ruhige Welle“ im Osten Chinas
Stunden später ...
Am 28. August war es endlich soweit und die Maschine der „Austrian“ setzte sich um 20:15 Uhr von Wien Schwechat in Richtung Peking in Bewegung. Danach folgten viele, viele Stunden über den Wolken, bis wir gegen Mittag des 29. August wieder festen Boden unter unseren geschwollenen Füßen hatten – chinesischen wohlgemerkt. Nach einem zirka vierstündigen Zwischenstopp in Peking flogen wir von dort mit der „China Eastern“ direkt nach Ningbo, wo man uns auch schon am Flughafen empfing. Da es draußen bereits stockdunkel war, musste ich mich mit der Erkundung Chinas jedenfalls noch bis zum nächsten Tag gedulden, denn auch der Ausblick von meinem Hotelzimmer im 19. Stock war zwar beeindruckend, aber außer jeder Menge Lichter konnte ich nicht allzu viel erkennen.
Es werde Licht! Oder auch nicht?
Am nächsten Morgen zog ich voller Vorfreude die Vorhänge zur Seite und schaute auf die Skyline von Ningbo – zumindest könnte es sein, dass sich diese hinter dem „Grau-in-grau“ der dicken Regenwolken verbarg. Das Wetter war uns also nicht wohlgesonnen und das sollte den Rest der Woche auch so bleiben. Wenn Sie jetzt denken, es wäre durch den Regen kühl gewesen, dann täuschen Sie sich gewaltig. Wir hatten durchwegs zwischen 30 und 40 Grad Celsius und eine extrem hohe Luftfeuchtigkeit. Nur in Hotels, Unternehmen und allen öffentlichen Gebäuden hatten sich die Klimaanlagen auf frostige 15 Grad eingependelt. So kamen unsere Besichtigungen der abwechselnden Benutzung von Sauna und Tauchbecken gleich. Da ließen Husten, Schnupfen & Co nicht lange auf sich warten und der chinesische „Tiger Balm“ (dem in Österreich erhältlichen China-Öl ähnlich, Anm. d. Red.) wurde schnell zum neuen Delegationsmitglied.
Vom Taifun gestreift – der erste Tag in Ningbo
Mit dem Bus machten wir uns auf zu unserer ersten Station, dem Hafen von Ningbo. Kaum um die Ecke gebogen, schienen wir auch schon dort angekommen, umgaben unseren Bus plötzlich statt Straßen nur mehr stehende Gewässer. Ein Taifun sollte in der Gegend umherziehen und hatte sich also auch in Ningbo bemerkbar gemacht. Nach längerer Fahrt erreichten wir dann doch noch den „echten“ Hafen und trafen im Gebäude der Hafengesellschaft auf die Geschäftsführung derselben. Wir staunten nicht schlecht über die Mengen, die im Hafen von Ningbo umgeschlagen werden. 2009 waren das 384 Millionen Tonnen an Gütern, was Ningbo zum zweitgrößten Containerhafen Chinas und zum viertgrößten der Welt macht. Aufgrund seiner bevorzugten Lage ist der Hafen von Ningbo verschont von starken Winden, hohen Wellen und stets eisfrei, was einen enormen Wettbewerbsvorteil bringt.
Nach dem sehr aufschlussreichen Besuch des Hafens wäre die alte Bibliothek von Ningbo am Programm gestanden, die wir aber aufgrund des schlechten Wetters und der Tatsache, dass sich diese hauptsächlich im Freien befindet, nicht besuchen konnten. Alternativprogramm war eine Betriebsbesichtigung bei „Geely Automobiles“ und ein Besuch des Wal-Mart Shopping Centers, wo sich die ein oder andere österreichische Marke in abgewandelter Form wiederfand, wie das Foto zeigt. Die Chinesen sind wirklich Meister im Nachahmen!
Am Abend wartete ein Bankett auf uns, bei dem wir die wichtigsten Vertreter der Stadt kennenlernen durften, allen voran den Regierungsvertreter und Director of Department of Publicity, Wei Song, mit seinem Team. Nach einer Vorstellungsrunde wurde bei einem gemeinsamen Essen über Kooperationsmöglichkeiten zwischen Wiener Neustadt und Ningbo gesprochen. Es wurde beschlossen, die 2002 besiegelte Freundschaft (ein Vertrag über die Städtefreundschaft wurde 2002 von Traude Dierdorf unterzeichnet, Anm. d. Red.) der beiden Städte weiter zu vertiefen.
Die Gespräche verliefen außerordentlich gut und erste Berührungsängste waren schnell überwunden. Auch an das chinesische Essen beginnt man sich ab dem vierten Gang langsam zu gewöhnen, wobei mein Mut noch nicht für die getrocknete Qualle oder die Suppe mit Kralle reichte, die ich dankend ablehnte.
Tag zwei – Ninghai
Der zweite Tag begann, nicht anders als erwartet, mit Regen und einer Busfahrt nach Ninghai (580.000 Einwohner), einem Kreis der Stadt Ningbo. Der ständige Vizepräsident der österreichisch-chinesischen Gesellschaft für Wirtschaftsbeziehungen, William Fei, begleitete uns nach Ninghai. Dort angekommen, trafen wir den Vizegouverneur von Ninghai County, Xingjie Shao, und besuchten die Agentur für wirtschaftliche Entwicklung. Danach stand eine Werksbesichtigung der Solar-Panel-Erzeugung (www.risen-solar.com) auf dem Programm. Weiters besuchten wir die Firmen Fangzheng Tool und Continental Reifen. Am Abend trafen wir uns mit William Fei zu einem gemeinsamen Essen und sprachen über Kooperationen zwischen Wiener Neustädter Unternehmen und chinesischen Betrieben sowie Exportmöglichkeiten.
Ningbo University – hier wird Bildung nicht nur groß geschrieben ...
..., sondern auch groß gebaut. Die im Jahre 1983 gegründete technische Universität der Stadt Ningbo war unser Ziel am Tag drei. Dort angekommen, kamen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus, denn das Universitätsgelände gleicht einer kompletten Stadt. Als uns der Direktor über die Anzahl der eingeschriebenen Studenten informierte, die über 10.000 liegt, wurde uns klar, weshalb solche Dimensionen notwendig sind. Generell relativierten sich während meines China-Aufenthalts sämtliche Zahlen, denn dort herrschen andere Größenordnungen als bei uns, zumal alle Einwohner Österreichs locker in einer der chinesischen Großstädte Platz hätten, wären dort nicht schon Millionen Chinesen ansässig. Für Delegationsmitglied Professor Gerhard Pramhas (technischer Geschäftsführer der FHWN) war der Besuch der TU Ningbo jedenfalls besonders interessant und es wurden erste Kooperationsmöglichkeiten besprochen. Dafür werden im Herbst auch Lehrende aus Ningbo nach Wiener Neustadt kommen.
Nach der Universität führte uns der Bus zum Ningbo Museum, wo es unzählige interessante Exponate zu besichtigen galt. Schon wieder kündigte sich ein Taifun an und unser heiß ersehnter Besuch in der alten Bibliothek schien abermals ins Wasser zu fallen. Doch der Wettergott war uns gnädig und als wir das Museum verließen, hielt der Himmel sogar ein paar Sonnenstrahlen für uns bereit und wir starteten los zur berühmten Old Library. Der Besuch hat sich wahrhaftig gelohnt, denn an diesem geschichtsträchtigen Ort finden sich alte Druckwerke gepaart mit prachtvollen Gärten wieder, wie die Fotos zeigen.
Tag vier – EXPO, wir kommen!
An unserem vierten Tag starteten wir schon in der Früh mit dem Bus nach Shanghai, um die EXPO zu besuchen und den österreichischen Generalkonsul, Michael Heinz, zu treffen. Von Ningbo nach Shanghai fährt man zirka drei Stunden mit dem Bus – eine der längsten Brücken der Welt macht diese schnelle Verbindung möglich. Die 36 Kilometer lange Meeresbrücke im Yangtze-Delta wurde 2008 eröffnet, kostete mehr als eine Milliarde Euro und verbindet Ningbo direkt mit Shanghai (als hätte man sie für uns gebaut, Anm. d. Red.). Dieser unser vierter Tag war so interessant und ereignisreich, weshalb ich der EXPO einen eigenen Artikel gewidmet habe, den Sie ab Seite 17 finden.
Der Tag danach
In der Zwischenzeit möchte ich mit Tag fünf fortfahren, den wir zur Hälfte noch in Shanghai verbrachten, um uns ein paar Eindrücke der Millionen-Metropole abseits des EXPO-Geländes zu verschaffen. Am Morgen besuchten wir das pulsierende Zentrum der Stadt, das mit unzähligen Geschäften, Lokalen und jeder Menge Passanten aufwartete. Die Straße zu überqueren, wird hier zur Herausforderung. Zu Mittag ging es dann mit dem Bus wieder zurück nach Ningbo.
Am Abend stand noch ein letztes gemeinsames Essen am Programm, dieses Mal mit den Verantwortlichen einer in China sehr angesehenen Oper. Wir konnten noch vor Ort eine Kooperation mit dem Neustädter Stadttheater vereinbaren, wo die Oper „Dream of a Maiden“ am 30.11. für die Bevölkerung kostenlos aufgeführt wird. Die Oper wurde bereits unter anderem in Aachen und auch in Peking vor Tausenden Besuchern erfolgreich aufgeführt und tourt im Herbst durch Frankreich. Details zur Opernaufführung lesen Sie in der kommenden Ausgabe des City Magazins.
Say goodbye!
Am Samstag verabschiedeten wir uns schon im Morgengrauen von Ningbo und traten die Heimreise an, nicht ohne uns bei Mr. Xu, unserem treuen Reisebegleiter, gebührend zu verabschieden. Einen Zwischenstopp in Peking und viele Stunden später erreichten wir Wien Schwechat. Die Reise ist nun zwar vorbei, was bleibt, sind – neben vielen positiven Erinnerungen – vor allem gute Kontakte zu Regierung und Wirtschaft in einem der wichtigsten Länder der Welt.
Ningbo – die „ruhige Welle“
Küstenstadt in der ostchinesischen
Provinz Zhèjing. Eine der 15
Unterprovinzstädte Chinas.
Nach Hangzhou die zweitwichtigste
Stadt dieser Provinz.
Fläche: 9669,88 km²
Küstenlänge: 1562 km
Einwohner: über 5,5 Mio.
www.ningbo.cn
(auch auf deutsch verfügbar)
Hier nochmals die Auflösung der chinesischen
Zeichen auf unserer Titelseite:
„Wiener Neustadt war in China“ – so einfach ist es!

























