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    Stadtgespräch

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    Eine Reise in die Vergangenheit auf dem Wiener Neustädter Kanal

    Von Sonja Knotek

    Mit dem Bau des Wiener Neustädter Schifffahrtskanals wurde im Sommer 1797 nach Ende des Ersten Koalitionskriegs gegen Napoleon begonnen. Der Wiener Neustädter­ Kanal wurde ursprünglich als Frachtverkehrsverbindung von Wien an die Adria geplant. Anfangs des 19. Jahrhunderts konnte der Kanal zwischen Wiener Neustadt und Wien in Betrieb genommen werden. Hauptziel war, den Transport von Kohle und Brennmaterial nach Wien zu verbilligen. Der Kanal führte von Wien über Laxenburg, Guntramsdorf, Baden und Sollenau nach Wiener Neustadt. Die Trasse­ verlief an der Mautstelle der St. Marxer Linie­ vorbei in Richtung Süden bis Wiener Neustadt. Der Ausbau bis Ödenburg wurde immer wieder aus finanziellen Gründen verschoben. Inzwischen glaubte wahrscheinlich niemand mehr daran, mit dem Kanal jemals Triest erreichen zu können. Ab 1822 verpachtete der Staat die Kanal­nutzung, womit eine Teilprivatisierung eingeleitet war.

    Frachtkähne mit PS

    Der Kanal wurde durch 45 Schleusen in 46 Abschnitte geteilt, um den Höhenunter­schied von 103 Metern zu überwinden. Die Breite lag bei bis zu 11 Metern, die Tiefe betrug lediglich 1,6 bis 1,9 Meter. Die Wasser­speisung des Kanals erfolgte durch den Kehrbach, die Leitha, Triesting, Piesting und die Hörm). Nach einer sechsjährigen Bauzeit wurde der Kanal am 12. Mai 1803 in Betrieb genommen. Um 5 Uhr früh fuhr ein Schiffszug von Wien ab, lud in Guntramsdorf Ziegel und traf am folgenden Tag nachmittags in Wiener Neustadt ein. Am dritten Tag konnte er mit einer neuen Ladung die Rückfahrt nach Wien antreten. „Aufwärts“ wurden die Frachtkähne von Pferden gezogen. Transportiert wurde vor allem Steinkohle, aber auch Ziegeln und Baumaterial.

    Kanaltraum „ausgeträumt“

    1869 verkaufte der Staat den Kanal an die „k.k. priv. Österr. Vereinsbank“ und damit an die „Schifffahrtskanal AG“, die anfangs bescheidene Gewinne erzielte. Aber bereits 1872 war der Kanaltraum ausgeträumt, als die Aktiengesellschaft beschloss, in Zukunft nicht nur Kanalprojekte, sondern auch Eisenbahnbauvorhaben zu betreiben – und durch die wesentlich leistungsfähigere Bahn wurde der Kanal nach wenigen Jahrzehnten unwirtschaftlich.

    Nutzung Wasserkraft

    Danach folgte eine wechselvolle Geschichte,­ die auch eine Änderung der Nutzungsart zur Folge hatte. In den Dreißiger-Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde der Kanal daher zu einem großen Werkskanal umgestaltet, an dem sich verschiedene Wasser­kraftwerke angesiedelt hatten, um das Energiepotenzial zu nutzen. Die ungünstige Ertragslage veranlasste die damalige Eigentümerin, die „Austro–Belgische Eisenbahngesellschaft“, den für den nunmehrigen Zweck als entbehrlich zu betrachtenden Grundbesitz zu verkaufen, um den Kanal erhalten zu können. Die Wiener Strecke des Kanals wurde in diesem Zusammenhang aufgelassen und zugeschüttet. Zwischen Kottingbrunn und Bad Vöslau wurden zu dieser Zeit 13 ehemalige Schiffsschleusen zu vollautomatischen und von einem einzigen Mann zu bedienenden Kleinkraftwerken umgebaut, die den erzeugten Strom an die Wiener Elektrizitätswerke – nunmehr „Wienstrom GmbH“ – abgaben beziehungsweise immer noch abgeben.

    Heute noch werden im Raum Kottingbrunn vom Land NÖ 7 Kleinkraftwerke mit einer durchschnittlichen jährlichen Stromerzeugung von zusammen rund 600.000 Kilowattstunden betrieben. Außerdem wird in Pfaffstätten auf dem Areal einer ehemaligen Fabrik eine Turbine mit einer Leistung von 30 Kilowatt von der Casino Austria AG betrieben.

    2. Weltkrieg: irreparable Schäden

    Negativer Höhepunkt der Geschichte des Wiener Neustädter Kanals waren die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges: Dessen­ Einwirkungen führten zu derartigen Beschädigungen, dass in den Fünf­ziger Jahren­ von den damaligen Besitzern erwogen wurde, den gesamten Kanal zuzuschütten, da die Erhaltungskosten viel zu hoch waren. Auch die Niederösterreichische Handelskammer konnte die Anlagen nach Erwerb der Aktien (nunmehr „Wiener Neustädter Kanal-Aktiengesellschaft“) nicht erhalten. Die Gesellschaft beschloss ihre Auflösung und setzte einen Kurator ein.

    Erhaltungskosten: 110.000 Euro jährlich

    Schließlich kaufte das Land Niederösterreich im Jahr 1956 den Kanal. Dieser wurde­ samt zugehörigen Grundstücken, den darauf errichteten Gebäuden, Wasserkraft­anlagen einschließlich der Turbinengebäude, Maschinen sowie den sonstigen damit verbundenen Berechtigungen von der damaligen Wiener Neustädter Kanal–Aktiengesellschaft erworben. Diese Bestandssicherung der Anlagen, die nunmehr zwar nicht mehr dem Frachtverkehr dienen, deren Bestehen jedoch für Ökologie, Wasserwirtschaft, Fischerei und auch Tourismus wesentlich ist, verursacht dem Land NÖ jährliche Kosten von rund 110.000 Euro an reinem Sachaufwand. Ab 300 Meter oberhalb des Haidbachablasses bis zur Mündung in den Mödlingbach befindet sich der Kanal im Eigentum der ECO PLUS – Niederösterreichs Regionale Entwicklungsagentur (als Nachfolger des Industriezentrums NÖ-Süd GmbH beziehungsweise der Flugmotorenwerke Ostmark GesmbH). Gemäß den Bestimmungen des Denkmalschutzgesetzes gelten die Anlagen des Wiener Neustädter Kanals als geschützt.

    Der Kanal als Industriedenkmal

    Heute fließt der Wiener Neustädter Kanal­ auf einer Länge von 36 Kilometern als künstliches, offenes Gerinne von Wiener Neustadt bis Biedermannsdorf und überwindet hierbei durch 38 Schleusen ein Höhengefälle von rund 86 Metern. Mittels Trogbrücken wird der Kanal über 7 andere­ Gerinne geführt. Die Breite des Wasserspiegels beträgt rund 9,5 Meter (außerhalb der Schleusen und Trogbrücken), die Tiefe zirka einen Meter.
    Gegenwärtig mündet der Kanal in den Mödlingbach auf Biedermannsdorfer Gemeindegebiet. Der Kanal gilt in seiner Gesamtheit als Industriedenkmal. Ein Großteil der Schleusenkammern und auch einige Brücken sind erhalten geblieben.

    Der Kanal als Naherholungsgebiet

    Der Wiener Neustädter Kanal dient heute vor allem auch als Naherholungsgebiet. Interessant ist in diesem Bereich der Rudersport, welcher der vielen Schleusen wegen aber lediglich im schleusenfreien Bereich zwischen Wiener Neustadt und Sollenau ausgeübt werden kann. Ein Bootsverleih befindet sich am „Triangel“. Großen Anklang findet der Wasserweg vor allem bei Wanderern und Radsportlern. Letztere finden­ auf dem nun asphaltierten Treppel­weg ideale Bedingungen vor, auf dem sowohl der Thermenradweg als auch der Euro Velo 9 verlaufen.

    Der Kanal als ökologisches Reservoir

    Der Kanal prägt mit seinen Pappelreihen und Kunstbauten die Landschaft. Da die Kanalböschungen meist nur einseitig gemäht werden, stellt der Kanalbereich ein Refugium für nicht wenige, teilweise seltene und bedrohte Pflanzen- und Tier­arten dar. Der Kanalbereich steht auch im Biotopenverbund mit den angrenzenden Lebens­räumen, unter denen sich vor allem im Bereich Kottingbrunn einige interessante­ Nassbereiche und bei Gross-Mittel ausgedehnte Trockenbereiche befinden. An Bäumen sind Pappeln vorherrschend, die Weide ist seltener. Sträucher sind vor allem mit Hartriegelarten ( auch: Hornstraucharten, Anm. d. Red.), dem Schledorn, dem Pfaffenkäppchen, dem Weißdorn und der Heckenrose vertreten. Sie werden öfters von der Waldrebe (meist Clematia vitalba) umrankt. Aber auch Heilkräuter wie Blutweiderich, Wundklee, Salbei, Thymian, Mädesüß, Brennnessel, Löwenzahn und Beinwell sind nicht selten. An Tierarten sind neben den Fischen vor allem Wasservögel wie die stets präsente Stockente und das Blässhuhn zu nennen.

    Instandhaltung

    Der Wiener Neustädter Kanal als künst­liches Gewässer erfordert einen wesentlich höheren Aufwand für die Instandhaltung als ein natürliches Gewässer. Zu den normalen ganzjährigen Erhaltungsarbeiten wie Ziehen des Schlammgrases, Mähen der Böschungen, Turbinendienst und Streckenkontrolle kommen die Räumungsarbeiten der jährlichen Kanalabkehr sowie die Betreuung des Kanals und seiner Zuleitungsgerinne bei Eistreiben und Eisbildung. Die Betreuung des Kanals erfolgt hauptsächlich durch zwei Flusswärter, die beim Land NÖ angestellt sind. Darüber hinaus werden von der Abteilung Wasserbau – insbesondere im Rahmen der Kanalabkehr – Arbeiten verrichtet.
    Einnahmen für die Instandhaltung erzielt erzielt das Land NÖ hauptsächlich aus Gestattungen wie Servituts- und Grundpachtzinse, Fischereipacht und dergleichen, freiwilligen Beitragsleistungen der Gemeinden sowie Einnahmen aus der Stromerzeugung der Kleinkraftwerke.

    Spurensuche heute

    In den aufgelassenen Bereichen lässt sich die Existenz des Wiener Neustädter Kanals­ zumindest teilweise nachvollziehen.­ In Wien erinnern Verkehrsflächen wie „Hafen­gasse“ und „Am Kanal“ an die Schifffahrtszeiten. Der letztgenannte Straßenzug begleitet zwischen dem Rennweg und Kledering gleich mehrere Kilometer lang die Bahntrasse, die von der heutigen Bahnstation Wien-Mitte an Teile des Kanalbetts verwendete.

    In Wiener Neustadt weist eine Gedenktafel in der Ungargasse auf die Existenz des ehemaligen Kanalhafens hin. Die Gasse Am Kanal begleitete den Wasserlauf vom Hafen bis zum Kehrbach. Ihre Verlängerung, die Rechte Kanalzeile führt neben dem aktuellen Kanal bis zu dessen scharfer Linksbiegung, dem „Triangel“. Der Pöttschinger Kanal­ast verlief genau in Verlängerung der Rechten Kanalzeile weiter. Folgt man dieser,­ durch einen Fahrweg definierten Linie,­ trifft man zunächst auf Kleingärten, die im Kanalbett angelegt wurden – die Dammstruktur ist hier noch klar erkennbar. In den anschließenden Feldern fehlen solche­ Spuren. Der gedachten Geraden 800 Meter weiter bis zum Waldstück Hauslüsse folgend, stößt man auf ein gut erhaltenes Kanalstück, das nach einer Biegung zum Leithabett leitet, worüber der Kanal in einem 65 Meter langen hölzernen Trog geführt wurde. An dieses Bauwerk erinnert nur mehr das Kanalhaus am rechten Leitha-Ufer. Vom restlichen Wasserweg sind lediglich im Luftbild Spuren zu erkennen.

    Quellen:
    Landeschronik Niederösterreich,
    2. Auflage 1994
    Landtag NÖ (Bericht September 2003)
    Bezirksmuseum Landstraße (Website)
    Wikipedia

    Rubrik Stadtgespräch | Ausgabe 02/10

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