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    Stricken zu jeder Jahreszeit

    Die Sonne scheint durch die rahmenlose Glastüre und lässt in ihrem hellen Licht die winzi­gen Staubkörnchen tanzen, die aus hunderten bunten Wollknäueln, Stoff­ballen und Garnsträngen aufsteigen, die jeden verfügbaren Quadratzentimeter der Regale­ für sich beanspruchen, die hier alle Wände bedecken. Im Sessel einer kleinen Korb­garnitur sitzt Magda Heckenast in den ­warmen Sonnenstrahlen und strickt. Jeder, der hier an der großen Glastür vorbeigeht, kann das sehen, denn sie tut das oft und gerne. Hier, das ist Magda Heckenasts „Wollstube“, ­eines der wenigen Hand­arbeitsgeschäfte, die in der heutigen Zeit noch bestehen – in einer Zeit, in der Dinge wie sticken und stricken nahezu „out“ zu sein scheinen.

    64 Jahre Handarbeit
    Gegründet wurde die „Wollstube“ 1946, gleich nach dem Zweiten Weltkrieg. Magda Heckenast ist bereits die dritte Besitzerin. 1975 kam sie als Lehrling ins Geschäft, über eine Bekannte, die beim Arbeitsamt arbeitete und von ihrer Vorliebe für das Hand­arbeiten und ihrer Lehrstellensuche wusste. „In der Zeit war es noch so, dass man sich die Lehrstellen aussuchen konnte; nicht so wie heute, dass man nehmen muss, was frei ist. Ich hab’ mich für den Verkauf und das Handarbeiten entschieden“, erzählt Heckenast. Sie lernte in der „Wollstube“ Einzelhandelskauffrau und ­lebte ihre Leidenschaft.

    Von Kindheit an
    Vor allem das Sticken hatte es ihr schon als Jugendliche angetan. In ihrem neunten Schuljahr, auf der Hauswirtschaftsschule, sei ihr das nähergebracht worden. Aber auch zuhause gab es Vorbilder. „Meine Mutter­ hatte auch immer etwas gemacht, hatte bereits eine Strickmaschine. Wenn ich nur ein Fleckerl Stoff bekam, zeichnete ich etwas darauf und stickte es nach. Ich wusste mir immer etwas zu tun.“ Was sie manchmal nicht weiß, ist, was sie sagen soll – zum Beispiel, wenn sie über sich erzählen soll. „Was soll ich da erzählen?“, lächelt sie. Nach einem Zögern ist sie wieder bei den Themen, über die sie immer reden kann: das Handarbeiten und ihr Geschäft. Seit 35 Jahren geht sie gern hierher. „Es hat noch nie einen Tag gegeben, an dem ich mich geärgert hätte, in der Früh herzugehen.“

    Sprung in die Selbstständigkeit
    Das liegt wohl unter anderem daran: „Ich mache alles so, wie ich das will“, erklärt sie. 2001 übernahm sie die „Wollstube“ von ihrer damaligen Chefin, bei der sie unter anderem auch gelernt hat, wie wichtig es ist, sich auf so kleinem Raum mit seinen Mitarbeitern gut zu verstehen. Die Anforderungen, welche die Selbstständigkeit an sie stellt, nimmt sie nicht schwer: „Es gab schon Zeiten, wo sehr viel zu tun ist. Da hat man schauen müssen, wo man bleibt, und dann war es eh schon wieder Abend.“ Aber die Hektik, die von Zeit zu Zeit ausbricht, scheint sie nicht zu stören, auch die Organisation der Einkäufe und Lieferungen nicht. Am Anfang nach der Übernahme, erzählt sie, sei sie noch ein bisschen un­sicher gewesen, wie viel sie bestellen sollte und ob sie die Mengen wirklich verkaufen kann. „Aber da bekommt man schnell ein Gespür dafür.“

    Die Handarbeitsdamen
    Die Art, wie Magda Heckenast von ihrem Alltag erzählt, klingt, als gäbe es keine Schwierigkeiten. Den Grund dafür kennt sie: „Man muss das gern machen.“ Gibt es dann gar nichts, was sie nicht mag? „Inventur. Und die Buchhaltung, aber die macht mein Mann. Das war die Grundvoraussetzung“, lacht die 58-Jährige. „Ansonsten ist immer alles harmonisch abgelaufen – entweder es war nichts oder ich kann mich nicht erinnern.“ Von den vielen Dingen, die gut laufen, gibt es ein paar, die sie besonders gern mag. „Der Umgang mit den Kunden“, fällt ihr ohne Zögern ein, „meine Handarbeitsdamen“ nennt sie die hauptsächlich weibliche Kundschaft. Das Bemerkenswerte ist, dass Handarbeiten offenbar nicht mehr nur für die älteren Leute interessant ist: „Gerade in den letzten Jahren kommen immer mehr Junge.“ Viele haben Handarbeiten in der Schule nicht mehr – oder nicht mehr so genau – gelernt. Magda Heckenast hilft gerne. Wenn man mit ein bisschen Zeit in der „Wollstube“ vorbeikommt, zeigt sie, wie man glatte und verkehrte Maschen strickt, wie man Platt- und Kreuzstich stickt und was die neuesten Trends ausmacht.

    „Kreativ sein ist halt meins“
    Man merkt auch an dieser Hilfsbereitschaft, wie gerne sie ihre Tätigkeit ausübt. „Selbst kreativ zu gestalten, ist schön“,­ beschreibt sie ihre Leidenschaft: „Für das bin ich halt.“ Sie nimmt auch schon einmal vorgegebene Muster auseinander, zerschneidet „08/15- Stücke“ und setzt sie zu ihren eigenen Krea­tionen wieder zusammen. Vor allem aber ist es mit der Kreativität nicht vorbei, wenn sie abends nach Hause kommt, denn dann arbeitet sie Aufträge von Kunden ab, näht zum Beispiel Tischwäsche. Für ihren eigenen Haushalt braucht sie nichts mehr. „Von bestickten Handtüchern bis zu bestickten Geschirrtüchern und Tischdecken ist alles da“, sagt sie: „Stapelweise!“ Aufträge zum Besticken und Stricken erledigt sie mit ihrer Mitarbeiterin tagsüber im Geschäft: „Das läuft so nebenbei.“ Eines ist ihr bei dieser Übermacht an Handarbeit wichtig: „Mein Wochenende bleibt frei.“

    Nachfolge-Fragen
    Was passiert, wenn Magda Heckenast und ihre Handarbeitsliebe einmal nicht mehr in der „Wollstube“ sind, ist noch unklar. In der Familie gibt es keinen Nachfolger, aber sie macht sich keine Sorgen. „Ich glaube schon, dass sich jemand finden wird.“ ­Immerhin geht das Geschäft nicht schlecht, fast jeden Tag bestellt sie Ware und packt die gelieferten Päckchen aus. Die Nachfrage bei jungen Frauen ist auch wieder groß. Im Sommer ist es naturgemäß ruhiger; Strickpullis sind in dieser Jahreszeit nicht besonders gefragt: „Niemand setzt sich, wenn es heiß ist, hin und stickt eine große Tischdecke.“ ­Kleine Dinge wie Schleifen und Grußkartenbilder würden da eher verlangt.

    Die kalten Monate sind „Hochzeit“
    Die „Hochzeit“ für alle Selbermacher ist aber nach wie vor die kalte Jahreszeit. Der nächste Herbst kommt bestimmt – und dann wird die Nachfrage nach warmer Wolle wieder steigen. Die Sonne wird vielleicht nicht mehr durch die rahmenlose Glastür scheinen; schon eher wird der Wind darum herumpfeifen und buntes Laub gegen die Auslagenfenster wirbeln. Später wird wahrscheinlich Schnee davor herabrieseln. Ganz sicher aber wird Magda ­Heckenast in ihrer „Wollstube“ sitzen, auf ihrem Korbsessel, und sich ihrer Leidenschaft widmen. Wenn dann eine junge Dame Hilfe braucht, beim Stricken ihres ersten eigenen warmen Pullovers, wird sie hier wohl fündig werden.

    Rubrik Business | Ausgabe 06/10

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