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    Carl Siegl & Co : Mehr als Metall seit 1834

    Friedrich Andrieu sitzt in seinem Büro in der Fischauer Gasse und blickt zwischen unzähligen Ordnern und Papieren auf beinahe 180 Jahre Geschichte zurück. Er blättert durch eine Sammlung von Schwarz-Weiß-Fotos, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht, und beginnt zu erzählen: „Gegründet wurde ‚Carl Siegl & Co’ 1834 von meinem Urgroßonkel Johann für seinen Sohn.“ Johann Siegl hatte damals, nach dem großen Brand in Wiener Neustadt, das Haus Hauptplatz Nummer 11 als „Brandstätte“ erworben. Er war bereits seit 1798 als Schoko­lademacher in der Stadt registriert, war aber Händler für alles mögliche, von der Seife über Porzellan bis zu Eisenwaren. Als er 1840 starb, übernahm sein Sohn Carl Siegl die Geschäfte. Nach ihm ist der Betrieb bis heute benannt.

    Carl baute die Geschäfte weiter aus.

    Er kaufte zwei Hammerwerke, eines bei Neunkirchen und eines in Schwarzau im Gebirge. Dort stellte er landwirtschaftliche Geräte her, unter anderem Pflüge, die er – so die Familienchronik – wegen der guten Qualität bis in die Steiermark verkaufen konnte. 1857 kaufte Carl das an den bestehenden Handel angrenzende Haus am Hauptplatz Nummer 12. Fünf Jahre später wies ein Gewerbeschein des k.u.k Bezirks­amtes Wiener Neustadt das Geschäft als Eisen­warenhandel aus.

    Schon damals wurde nicht nur mit Metall gehandelt.

    Eine Korrespondenz aus dem Jahr 1882 zeigt den Briefkopf der Firma Siegl, auf dem alle Produkte und Dienstleistungen des Betriebs und seiner Filialen aufgeführt sind: Pflüge, Schaufeln und Hämmer aus dem Werk in Schwarzau; gusseiserne Öfen, Emailgeschirr und Dezimalwaagen aus dem Lager; „Oberbau-Werkzeuge“ und „Stationsrequisiten“, lieferbar für die damals aufblühenden Eisenbahnen. Carl Siegl starb früh und seine Kinder waren noch nicht alt genug, um die Geschäfte zu übernehmen. Sieben Jahre dauerte es, bis sein Sohn Carl junior die Nachfolge antreten­ konnte. Er war der letzte männliche Träger des Namens, die Firma „Carl Siegl & Co“ ist aber bis heute in der Familie geblieben.

    Die Aufzeichnungen sind akribisch nachgeforscht worden.

    Andrieus Vater, der ebenfalls Friedrich heißt, hat diese Familienchronik bis ins 18. Jahrhundert hinein recherchiert und aufgeschrieben. Als er 1884 geboren wurde, führten Carl juniors Schwager und Neffe die Geschäfte. Auch der ältere Friedrich Andrieu kam über die Familie seiner Frau in den Betrieb und wurde 1939 Leiter und In­haber, am Beginn des Zweiten Weltkriegs. „Das war sicher keine einfache Zeit“, stellt sein Sohn heute fest: „Aber soweit ich weiß, war der Siegl durch beide Weltkriege­ hindurch immer offen.“ Nach dem Krieg, während der Zeit der russischen Besatzung, konnte es schwierig werden. „Man hat schon schauen müssen, dass einem nicht alles davongetragen wird.“ Zu dieser Zeit war das zwar kein Eisenbahnbedarf mehr; Öfen, Haushaltsgeräte, Werkzeuge, und Eisenwaren stellten aber auch in den 1950ern das Sortiment.

    Chronik und Bilder sind gut geordnet.

    Andrieu blättert weiter durch die schwarz-weißen Fotos von damals, die Motive zeigen Ausstellungen der Produktpalette aus den 1950ern: Küchenherde, wie man sie heute nur mehr auf manchen Berghütten findet, und Schmalzfässer aus Metall. „Die waren damals sehr beliebt“, erinnert sich Andrieu, nach der entbehrungsreichen Kriegs- und Nachkriegszeit seien die Leute „froh gewesen, wenn sie endlich wieder ein Schmalz zum Einlagern gehabt haben.“

    In dieser Zeit ist Friedrich Andrieu aufgewachsen.

    Er selbst ist Jahrgang 1943 und sollte den Betrieb einmal übernehmen. Er besuchte ein Gymnasium, machte danach noch die Matura auf einer Handelsakademie. 1970 wurde er Gesellschafter und leitete den Betrieb bereits zusammen mit seinem Schwager Herbert Böhm, als in den 1990ern die Wiener Neustädter Innenstadt verkehrs­beruhigt und der Hauptplatz in eine Fußgängerzone umgewandelt wurde.­ Er baute am Stadtrand neue Verkaufs­flächen, im Oktober 1996 wurde eröffnet. Der alte Firmenname „Carl Siegl & Co“ war mit umgezogen und prangte über der neuen Glasfassade. Öfen und Metallwaren gibt es immer noch; erstere in modernerer Ausführung als Jahrzehnte zuvor, zweitere als Selbstbedienungs-„Schraubenbar“, als Schaufeln, Briefkästen, Werkzeug – alles, was man aus Metall eben machen kann. „Auch die Haushaltsabteilung ist um Glas, Porzellan und Edelhausrat erweitert worden“, zählt Andrieu auf. Sie wird von seiner Tochter betreut. Sein Sohn Guido ist bereits, wie einst er selbst, Gesellschafter.

    Die Tradition wird fortgeführt.

    Die Häuser am Hauptplatz 11 und 12 gehören immer noch der Familie, Andrieus Neffe Thomas Böhm verpachtet sie. „Momentan sind dort Gastronomie, ein Frisör, der kürzlich ausgebaut hat, eine Bäckerei und eine Möbelboutique untergebracht“, so Andrieu. Der Name Siegl lebt auch hier weiter: „Ich habe gesagt: Solange das Kaffee anständig betrieben wird, darf es den Namen tragen“, lacht Andrieu. Die fast 180-jährige Tradition seiner Firma hat für ihn einen hohen Stellenwert. „Weil die Firma auch persönlicher Lebensinhalt ist“, begründet er das: „Weil man täglich damit verbunden ist und versucht, das Beste daraus zu machen. Es steckt halt doch ziemlich viel Herzblut in so einem Unternehmen.“ Verkaufsargumente in der Werbung seien die Tradition sowie „Service und Sortiment.“

    Herzblut steckt auch in der Chronik, die sowohl den alten Gewerbeschein im Original als auch die penibel geordneten Fotos, die das Leben in Wiener Neustadt in den vergangenen hundert Jahren zeigen – und auch wie sich Handel und Produkte seither gewandelt haben – beinhaltet. Bald wird Friedrich Andrieu ein neues Kapitel anfangen können. „Automatische Rasenmäher“, sagt der Technik-Fan, seien momentan „eine ganz wesentliche Sache.“ Vom selbst geschmiedeten Pflug zur Automatik – in 180 Jahren.

    Rubrik Business | Ausgabe 1009

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